Liebe Teilhabenden,

Teilhabe steht in der Hitliste der Sonntagsreden-Floskeln
ganz dicht hinter Engagement und der Megavokabel Zivilcourage.
In gewissen Weise sind diese drei Most-Wanted-
Horstköhler-Worte sogar verschwistert. Sie meinen eigentlich
immer denselben Anspruch des Redners an den
Zuhöher, teilzuhaben am Prozess der Demokratie und dabei
engagiert Zivilcourage zu zeigen. Für die Propaganda
dieser drei Worte gibt man in diesem Land viel Geld
aus. Trotzdem halten 60 Prozent aller Deutschen unsere
parlamentarische Demokratie für gescheitert. Deshalb gibt
man noch mehr Geld für Demokratiewerbung aus und redet
noch mehr Teilhabe-Reden. Wenn aber nun plötzlich genau
das passiert, wofür all das Geld ausgeben und die Reden
geredet werden – nämlich das Bürger an demokratischen
Prozessen wie Parlamentssitzungen teilhaben wollen –
zuckt die Legislative zusammen und verteidigt Demokratie
als ihr Hoheitsgebiet. Nun, wovon ist hier die Rede?
Von der neusten Chemnitzer Errungenschaft, Ausschusssitzungen
abzusagen, weil zu viele Bürger zuhören
möchten, Security zu mieten, um Bürger von Ausschusssitzungen
fernzuhalten und nicht zuletzt die neue Praxis,
zu Stadtratssitzungen einige wenige Eintrittskarten zu
vergeben. Schlimmer als diese Tatsachen ist wahrscheinlich
nur die felsenfeste Überzeugung der Stadtverwaltung,
dass diese Vorgehensweise normal und unabänderlich sei.
Der Gedanke, einen Raum zu mieten, der groß genug ist,
um alle interessierten Bürger hineinzulassen, empfi ndet
man als absurd. Was lernt der Chemnitzer daraus: Teilhabe,
Engagement und Zivilcourage gehören ausschließlich
in Sonntagsreden – genau wie die Demokratie.
Mit demonstrativen Grüßen
Eure 371ler