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Letzte Frage im November

Herr Kummer weiss Antwort

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Lieber Herr Kummer, gerät die Welt gerade aus ihren Fugen?

Wieso? Findest du keine schönen Winterschuhe? Hast du Zahnschmerzen? Oder hast du dich mit deinem Lebenspartner verstritten? Mach dir bitte darüber keine Sorgen, das schaffst du! Vielleicht beunruhigt dich aber auch der Abgasskandal bei Volkswagen. Ausgerechnet der heilige deutsche Ingenieur hat getrickst und getäuscht, hat „Made in Germany“ besudelt und in den Dreck gezogen.

Deine momentane Enttäuschung ist groß, wird allerdings bald verfliegen. Immerhin wird das größenwahnsinnige Projekt, unbedingt die weltweite Nummer Eins unter den Autobauern zu werden, mittlerweile bei VW kritisch hinterfragt. Die königlich kaiserliche gläserne Manufaktur in Dresden wird endlich abgewickelt, hier soll nach der Prunkkutsche Phaeton ein zeitgemäßeres Elektroauto hergestellt werden. Wenn du nicht gerade ein beinharter VfL Wolfsburg Fan bist, sollte dich auch das angekündigte Eindampfen der großzügigen Sportförderung des Konzerns nicht aus der Bahn werfen. Ein Autobauer muss ja nicht unbedingt eine Ballsportmannschaft besitzen. Wenn wir schon beim Fußball sind, stört dich vielleicht, dass das der Lack des Sommermärchens 2006 einige dicke Kratzer bekommt? Schwarze Kassen, Bestechung, Intransparenz, die selbstherrliche Altherrenriege beim DFB darf doch ruhig mal ordentlich durchgerüttelt werden. Bei anderen Themen hat sich wiederum eine gepflegte Gelassenheit eingestellt. Die Klimaerwärmung ist eine Erfindung der UNO; nach Vogelgrippe, Rinderwahn und Ebola wird bald die nächste Seuche die Welt vernichten; Chemtrails beeinflussen unsere Gedanken; die Griechen essen unser gutes Geld; Wladimir Wladimirowitsch Putin und Viktor Orban erschaffen blühende Volkswirtschaften, Deutschland ist eine GmbH und so weiter.

Was allerdings tatsächlich aus den Fugen gerät, ist unsere gewohnte sächsische Welt. Nach dem Zusammenbruch der DDR haben die Sachsen relativ unbehelligt gelebt. Sie haben sich behaglich eingerichtet und eine mollige Schläfrigkeit kultiviert. Auch heute noch herrscht eine fast schon monarchistische Staatskultur, mit der CDU als immerwährende Regierungspartei. Politische und wirtschaftliche Probleme werden gern ignoriert und weggeredet, es galt und gilt stets, das Selbstbild der Sachsen als netteste, fleißigste und pfiffigste Bewohner Europas nicht zu beschädigen. Kritik ist hierzulande gleichbedeutend mit Nestbeschmutzung. Die Abwehr des Ungewohnten und Fremden, das in diese barocke Volksgemütlichkeit einbricht, wurde schon immer von der hiesigen Politik befördert. Die unheimliche, globalisierte Welt sorgt nun für Ruhestörung und Durcheinander. Menschen aus fremden Kulturen kommen, mit ihren Gewürzen, Handys und manchmal sogar Kopftüchern. Vater Staat scheint überfordert und besorgte Bürger laufen vor lauter Schreck seit einem Jahr im Kreis. Das altbewährte Sachsen der Hinterwäldler gerät tatsächlich aus den Fugen. Interessanterweise finden sich aber neben den Montagsspaziergängern jede Menge Bewohner, die das eigentlich ganz gut finden.

Bei aller Veränderung bleibt aber eines konstant: Chemnitz hat zum vierten Mal in Folge den letzten Platz im Städteranking des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts eingenommen. Das ist aber überhaupt kein Grund für Traurigkeit, denn wie sagt der Volksmund so treffend: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.

Foto: CFalk  / pixelio.de

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