Letzte Frage

Letzte Frage im Juli

Herr Kummer weiß Antwort

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Lieber Herr Kummer, mit Bestürzung hab ich, und Sie sicher auch, das Ableben des langjährigen Chemnitzer Türmers Stefan Weber zur Kenntnis genommen. Ohne gleich pietätlos erscheinen zu wollen, aber nun scheint ja dieses ehrenwerte Amt frei zu sein. Ich bin arbeitslos, was sollte ich in meinem Bewerbungsschreiben berücksichtigen?


Sehr löblich, Du verhältst dich wie ein aufmerksamer Geier hoch in den Lüften. Du beobachtest die Todesanzeigen und stürzt dich sofort auf ein, wegen Todesfall, entstehendes Jobangebot. Wenn nur alle Arbeitslosen so engagiert wären. Nicht wenige interessante Stellen sind in diesem Jahr frei geworden.

Möchtest du der mächtige Indianer Winnetou werden? Pierre Brice, der diesen Job hingebungsvoll ausübte, ist in die ewigen Jagdgründe gewechselt. Bandleader und Komponist könnte man auch werden, jetzt wo der Orchester Titan James Last eine schmerzliche Lücke hinterlassen hat. Ausgestattet mit Trinkfestigkeit, ordentlichem Bartwuchs und sonorer Stimme, könnte der Universaljob eines Harry Rowohlt besetzt werden. Apropos Trinkfestigkeit, in der Gastronomie wird ein neuer Gerd Käfer gesucht, der Verstorbene gilt als der Erfinder des Party Caterings. Wer möchte, könnte auch an Stelle des aus dem Leben geschiedenen Firmengründers Horst Brandstätter, das interessante Amt des Playmobil Herstellers übernehmen.

So viele Möglichkeiten und du möchtest ausgerechnet Chemnitzer Türmer werden? Neben Henker, Parteisekretär und Messerschleifer gilt dieser Beruf doch eigentlich als fast ausgestorben. Einen richtigen, fest angestellten Türmer gibt es nur noch sehr selten, Krakau bildet hier eine große Ausnahme. In der polnischen Stadt steht der Türmer hauptberuflich im Dienste der Feuerwehr und übernimmt tatsächlich Feuerwachdienst. Der arme Mann muss den ganzen Tag vom Nordturm der dortigen Marienkirche aus nach verdächtigen Rauchzeichen Ausschau halten. Die Pflicht des stündlichen Glockenschlags und das Blasen eines Trompetensignals in alle vier Himmelsrichtungen, gehört zu seinen weiteren Aufgaben. Auch im bayrischen Nördlingen ist der Kirchturm rund um die Uhr besetzt. Jeden Abend ruft der Türmer zwischen 22 und 24 Uhr halbstündlich den, mir völlig unverständlichen, Spruch „ So, Gsell, so!" in die Stadt herab. Möchte man auf diese Weise, im 21. Jahrhundert, seine Tage verbringen? Aber gut, wenn du dieses Amt unbedingt willst, dann schreibe in deine Bewerbung: Ich bin zuverlässig und nie krank, vertrage Zugluft und eisige Temperaturen. Ich brauche kein festes Gehalt, liebe ehrenamtliche Tätigkeiten, mag Treppensteigen und alberne Mittelalterkostüme. Gern zeige ich aus großer Höhe die Schönheiten von Chemnitz, vor widerspenstigen Schülern, naseweisen Touristen und mürrischen Senioren habe ich keine Angst. Ich verfüge über Grundkenntnisse im Trompeten und Glockenspiel. Ich liebe Chemnitz mehr, als alles andere auf der Welt. Sollte es dann zu einem Einstellungsgespräch kommen, kann es nicht schaden den Segenspruch der deutschen Nachtwächter und Türmergilde auswendig zu können:

„Der Herr Gott schütze unsere Stadt vor allem Unglück und vor böser Tat. Bewahre er euch vor großem Leid, vor Krankheit, Krieg und teurer Zeit.“

Gern füge ich für dich, lieber Leserbriefschreiber, noch folgendes Verslein hinzu:
„Der Türmer ist in unsrer Zeit, ein Füllhorn voll von Peinlichkeit.
Die Welt ist größer, als vom Kirchturm aus zu sehen, musst nur mal raus aus Chemnitz gehen.“

Foto: Peter Smola / pixelio.de

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