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Letzte Frage im April

Herr Kummer weiß Antwort

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Lieber Herr Kummer, Facebook hat neulich innerhalb von sechs Stunden 40 Milliarden Dollar Börsenwert verloren. Insider sprechen von einer nahenden Zerschlagung des Konzerns durch Regulierungsbehörden. Junge Digital Natives sehen in Mark Zuckerbergs Netzwerk ein dröges Ü-50-Portal, quasi das „Karacho“ des Internets. Wird Facebook also sterben? Und was wird der nächste geile Scheiß?

Zunächst muss ich selbst eine Frage stellen: Was ist das „Karacho“ des Internets? Geht es hier um altmodische Begriffe wie „Dawai, Dawai“ bzw. „Gitler Kaput“? Diese interessanten Wörter sind nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion so gut wie vergessen. Deine Insider kannst du sicher auch vergessen. Wir leben ja nicht Anfang des 20.Jahrhunderts, als in den USA vom „Fluch der Größe“ die Rede war und die Regierung einige dicke Monopole zerschlug. Google, Facebook und Amazon sind nicht die alten Riesen Standard Oil oder AT&T, und Donald Trump ist leider kein President Roosevelt. Gefährlich könnte es für Facebook nur werden, wenn große Konzerne nach dem jüngsten Skandal um illegalen Datenabfluss nun Kapital abziehen und keine Werbung mehr schalten. Zwei Milliarden Facebook Nutzer sind allerdings ein extrem leckerer Werbekuchen und wir werden sehen, wie lang der Atem des  #deletefacebook reicht.

Hierzulande boykottieren momentan recht werbewirksam Dr. Oetker und die Commerzbank den Internetriesen. Für den stinknormalen Bürger ist es aber gar nicht so einfach, zu gehen. Ob uns das gefällt oder nicht, Facebook und die Töchter Instagram und WhatsApp sind längst Teil des normalen Lebens. Sie sind, wie Telefon und Postkarte, Alltagswerkzeuge geworden. Zu dieser nüchternen Erkenntnis gehört allerdings auch, das Geschäftsprinzip von Facebook anzuerkennen. Hier geht es um Daten-Generierung und deren gewinnbringenden Verkauf. Und auch wenn die Empörung über den Datenklau gerade groß ist, gibt es bis jetzt keine echte Alternative im Netz, die es dem Nutzer erlaubt zu kommunizieren, ohne Verletzungen der Selbstbestimmung über eigene Daten hinnehmen zu müssen.

Menschen aller Altersgruppen sind trotz nachlassenden Enthusiasmus` regelmäßig auf Facebook aktiv, Jugendliche nutzen es zudem so lange und oft wie nie zuvor. Sie können auch gar nicht anders. Das Netzwerk ist zu einer wichtigen Infrastruktur des Internets geworden, da es zentrale Aufgaben übernimmt: Nutzer können über die Like-Funktion ihre Vorlieben im Netz ausdrücken und sortieren, und sie können sich über das Facebook-Login bei vielen Diensten authentifizieren. Vor allem diese Funktion, eine Art digitaler Ausweis im Internet, erschwert den Abschied vom Netzwerk: Wer sich abmeldet, verliert nicht nur seine Identität bei Facebook, sondern muss auch bei vielen anderen Angeboten von vorn anfangen. Das macht das Netzwerk zwar uncool, aber schwer ersetzbar. Junge Digital Natives toben sich ein bisschen bei vermeintlich hippen Neugründungen wie Raftr, Mastoton oder Vero aus, kommen aber stets reumütig zurück.

Das Facebook-Problem ist, dass niemand von uns heute noch eine Ahnung hat, was für ein Datenberg entstanden ist durch Posten, Liken und Surfen und wer heute und in Zukunft Zugriff darauf haben wird. Da Mark Zuckerberg bei seiner optimistischen Grundeinstellung, aus dem offenen Umgang mit Daten würden nur gute Dinge entstehen, zu bleiben scheint, hoffen Datenschützer nun auf  Hilfe durch die Europäische Gemeinschaft. Ab dem 25.Mai tritt die neue Datenschutzgrundverordnung der EU in Kraft, die Verstöße deftig ahnden will. Bei möglichen Strafen bis zu vier Prozent des weltweiten Umsatzes wird sich auch Facebook hoffentlich sehr genau überlegen, wie Datenmissbrauch künftig verhindert werden kann.

Foto: by_Uwe Abel_pixelio.de

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