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Letzte Frage im Februar

Herr Kummer weiß Antwort

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Lieber Herr Kummer, sind Sie Charlie?

Achtung, Achtung liebe Leser, jetzt kommt ein klares und, wie ich finde, mutiges Statement von mir:
Mein Name ist Herr Kummer, und ich finde es nicht gut, wenn in Paris und auch sonst irgendwo in der Welt Menschen erschossen werden. Dazu stehe ich, ohne wenn und aber. Da lasse ich mich nicht verbiegen. Da bin ich wie ein Fels in der Brandung.

Charlie Hebdo will ich allerdings nicht sein. Ich bin doch keine Zeitung und ich lebe nicht in Paris. Der Vollständigkeit halber möchte ich noch hinzufügen, dass ich auch nicht der ermordete muslimische Polizist Ahmed („Je suis Ahmed“) und auch kein getöteter Jude („Je suis Juif“) bin. Das befremdliche Bedürfnis, aus Mitgefühl  jemand anderes sein zu wollen, geistert schon eine Weile durch die mediale Welt.

Kennedy verwandelte sich bereits 1963 mit seinem „Ich bin ein Berliner“ in ein Maueropfer und viele Deutsche wiederum meinten nach den Anschlägen am 11. September 2001 “Wir sind alle Amerikaner“. Wer das Verhalten der schießwütigen Polizei in Ferguson kritisieren will, darf in den sozialen Netzwerken „I am Michael Brown“ behaupten. Dann ereigneten sich die Terroranschläge von Paris. Vor allem im Internet sind unglaubliche Massen plötzlich „Charlie“, als spontane Form der Anteilname und Selbstvergewisserung, oder als allumfassende Einverständniserklärung mit der Arbeit der, in Deutschland weitgehend unbekannten, Karikaturisten. Ein neues Profilbild, ein schnell getippter Tweet - es ist einfach, und tut so gut! Man zeigt eine preiswerte, unverbindliche, risikolose Solidarität mit den ermordeten Redakteuren einer Satire-Zeitschrift. Dieser Identitätsdiebstahl, oft fälschlicherweise als politischer Akt verstanden, ist allerdings kein Kavaliersdelikt. Neben den ehrlich Betroffenen gibt es auch jede Menge schmierige Trittbrettfahrer, und das hat schon einen üblen Beigeschmack. Der Gründer des rechtsextremen Front National, Jean-Marie Le Pen, und auch der unermüdliche und völlig humorlose Kämpfer gegen die Lügenpresse, Lutz Bachmann, waren natürlich „Charlie Hebdo“.

Als sich dann allerdings das Satire-Blatt „Titanic“ ein paar Späße über Herrn Bachmann und seine Dresdner Freunde erlaubte, war Schluss mit lustig. Rechtliche Schritte wurden angekündigt.

Nachdem islamistische Aktivisten durch einen Mordaufruf und eine Terror-Androhung gegen Lutz Bachmann den 13. Patrioten-Spaziergang in Elbflorenz verhindert hatten, solidarisierten sich die Teilnehmer der Bagida München mit dem Gründer von Pegida. „Wir sind Lutz“ riefen laut Polizeiangaben 1100 Teilnehmer. So richtig populär wurde dieser Slogan allerdings nicht. Wegen unfreiwilliger Komik beim Adolf Hitler Selfie und rassistischer Netz-Pöbelei, musste Herr Bachmann mittlerweile seine Pegida Familie verlassen. Verfolgt von Gutmenschen und Unterhaltsverpflichtungen beantragt er ja vielleicht in Südafrika Asyl.

Die dauerzornigen Bürger, die wie eine kaputte Spielzeugeisenbahn nun schon seit geraumer Zeit im Kreis durch die Dresdner Parks schnaufen, Büsche, Bäume und sich selbst gegenseitig anmaulend, sind jetzt vorsichtshalber nicht „Lutz“. Müssen sie ja auch nicht, die Pegidas sind ja selbstverständlich auch „Charlie Hebdo“, außerdem sind sie, und das ist nicht zu toppen, „das Volk“.

Übrigens, nur damit bei einem Chemnitzer Gründer-Stammtisch niemand auf falsche Ideen kommt, das französische Patentamt hatte kürzlich mitgeteilt, dass es die zahlreichen Anträge, den Slogan „Je suis Charlie“ als Marke einzutragen, nicht annimmt.

Erschienen im Heft 02/15

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