Letzte Frage

Letzte Frage im September

Herr Kummer weiß Antwort

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Lieber Herr Kummer, ich bin erschüttert. Die vergangenen Freibad-Wochen ließen mich in ungeahnte ästhetische Abgründe blicken. Scheinbar befinden sich meine Mitmenschen in einem Wettbewerb um das hässlichste Tattoo. Warum verschandeln sich so viele Menschen ihre Haut mit derlei Bemalungen?


Vorsicht, Vorsicht, lieber Leserbriefschreiber, deine käsig weiße Haut, die stark behaarten, dürren Beine und deine ausgebleichte Dreieckbadehose empfanden manche Badegäste vielleicht auch als Zumutung.

Zurückhaltend ausgedrückt, Geschmackssache ist sicher auch die knöchellange weit geschnittene Segelhose für den praktischen Mann, die neonfarbene, Gemächt einschnürende Radfahrer-Wurstpelle. Sind vollbärtige Teenager mit Truckerhüten und V-Nickies ein schöner Anblick? Oder wie verhält man sich zur knapp über das Knie reichenden karierten Sommerhose? Sächsische Patrioten kombinieren diese gern mit FlipFlops und Gürteltasche, wie zur allmontaglichen Fashionparade gut zu beobachten ist.Verunglückte Tattoos kann man ja einfach mit einem heißen Bügeleisen wegbrennen. Man kann sie mit Sandpapier abschleifen oder mit Lichtschwertern weglasern. Aber wie bekommt man hässliche Kleidungsstücke und Trendfrisuren vom Leib? Wie bekommt man grausame Ohrwürmer von Helene Fischer und Xavier Naidoo aus dem Kopf? Ästhetische Abgründe allerorten.

Ein Bundesministerium für Style, Tattoo und guten Geschmack gibt es leider nicht und unser lokaler Kulturbürgermeister Herr Rochold ist sowieso schon überlastet, bleibt es also jedem Bürger selbst überlassen, mit welcher Bemalung er seinen Körper verziert. Diese Freiheit hat ihren Preis.

Auch hilf-, halt- und stillose Menschen möchten trendy sein und auch ein kleines bisschen rebellisch, gegen wen auch immer, und beackern ihren gedemütigten Leib mit tragischen Motiven. Stacheldraht und Tribals, Arschgeweihe, Rosen, Schmetterlinge und asiatische Weisheiten, nichts wird ausgelassen. Für manche verspricht das Tattoo vielleicht auch eine unbewusste Schutzfunktion. In der Biologie spricht man von der Schrecktracht: Ein Lebewesen bildet auf seinem Äußeren Zeichen aus, welche die Fressfeinde davor warnen sollen, sich zu nähern.

Egal aus welchen Gründen sich jemand dauerhaft bemalen lässt, in einer Demokratie hat man den persönlichen, mitunter unschönen, Geschmack zu tolerieren. In anderen Gegenden der Welt mischt sich der Staat aber durchaus ein. Als bekannteste Beispiele dienen Maos China, Saudi Arabien und der Iran. Auch in Nordkorea sorgen sich die Machthaber weniger um die leeren Bäuche ihrer Bürger, als um deren ordentliches Erscheinungsbild. Dazu haben sie eine bebilderte Empfehlung an die Frisöre des Landes verteilt. Der ist zu entnehmen, wie sich ein anständiger Nordkoreaner zu frisieren hat. Immerhin können die Damen unter 18 verschiedenen Schnitten auswählen. Die Herren dagegen müssen sich mit zehn verschiedenen Varianten eines Fassonschnitts begnügen. Ob Tattoos in Nordkorea erlaubt sind, wage ich zu bezweifeln.

In Deutschland gibt es Tätowierte seit vielen Jahrhunderten, allerdings waren sie bis vor Kurzem eher in den Randbereichen der Gesellschaft anzutreffen, bei Seeleuten, Sektenanhängern und Kriminellen. Jetzt sind die Körperbemalungen im Mainstream, im öffentlichen Bad angekommen. Das bedeutet möglicherweise, dass der Tattoo-Kult auf seinem Höhepunkt angekommen ist. Und schon zeichnet sich ein neuer Trend ab. Wer sich zukünftig von der Masse abgrenzen will, trägt stolz kein Tattoo. Ein unbemalter Körper, als aufsässiges Statement oder wie ein Bekannter von mir treffend zu sagen pflegt: „Kein Tattoo ist das neue Tattoo“.

Foto: Günter Havlena  / pixelio.de




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