Letzte Frage

Letzte Frage im Januar

Herr Kummer weiß Antwort

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Lieber Herr Kummer, heute morgen im Bus saßen mir zwei Rentnerinnen gegenüber, die eine verbiestert dreinschauend, die andere recht belustigt. Da hab ich mich gefragt: Was sind das eigentlich für alte Menschen in Chemnitz? Sind es glückliche oder eher vom Leben betrogene?

Diese interessante Frage ist nicht so leicht zu beantworten.
Wie Sie selbst beobachteten, sind die Zeiten, als die Alten als unteilbarer grauer Block wahrgenommen werden konnten, vorbei. Selbst die früher monothematische Rentnerorganisation Volkssolidarität hat sich in Chemnitz zu einer interessanten Bürgerplattform gewandelt. Die Senioren von heute sind eine sehr uneinheitlich zusammengesetzte Gruppe, die sich mindestens so stark untergliedern lässt, wie es von der Jugendkultur her bekannt ist. Wir sprechen heute von den „Jungen-Alten“, den „Jungsenioren“, „Best Ager 50plus“, „Silvergenerationals“, „Silversurfern“, und „Silver Consumern“, man spricht von „Golden Oldies“, Mitgliedern der „Generation Gold“, „Best Agern“ und den „Master Consumern“.

Es gibt ältere Menschen, die ausgedehnte Bildungsreisen, auch in islamische Länder unternehmen und bei dem Begriff Abendland an den Untergang von Byzanz im Jahr 1453 denken. Sie erfreuen sich an ihrer stattlichen Rente, betrachten ausländische Mitbürger als Bereicherung und schätzen sie insgeheim auch als emsige Einzahler in die Rentenkassen. Diese Senioren sehen Chemnitz als nette Stadt mit niedriger Kriminalität und günstigen Lebenshaltungskosten. Bei Umfragen des Deutschen Zentrums für Altersfragen gaben in unserem Land über 62 Prozent der Befragten zwischen 70 und 85 Jahren an, eine „eher hohe Lebenszufriedenheit“ zu empfinden. Nur 3,6 Prozent der Senioren äußerten bei dieser Studie geringe Lebenszufriedenheit.

Vertreter dieser verbiesterten Minderheit finden sich natürlich auch in Chemnitzer Bussen. Diese bösen alten Menschen ruinieren den Ruf einer ganzen Generation. Sie fühlen sich vom Leben betrogen, sind allem Neuen und Fremden gegenüber verschlossen und versprühen täglich Gift und Galle. Beigefarbene Funktionskleidung, schlurfender Gang und herunter hängende Mundwinkel, daran sind sie leicht zu erkennen.

Am tückischsten sind allerdings die garstigen Greise in den Körpern von Menschen im besten Alter. Äußerlich sehen sie wie 35jährige aus, Hirn und Herz sind aber steinalt und vertrocknet. Geronto-Wölfe im Schafspelz. Diese getarnten Rentner befürchten im Ernst, dass der Weihnachtsmann und das Christkind abgeschafft werden. Sie haben eigenartige Visionen von einer drohenden Islamisierung des Abendlandes, was auch immer das heute bedeutet. Sie fürchten sich vor Fremdblütigen und amerikanischen Gedankenstrahlen, sehen sich mitunter sogar als Reichsbürger, die in einem nicht existierenden Staat leben. Sie sind oft auch Fans des Großrussen Putin und wünschen sich sehnlich, auch in Deutschland von so einem väterlichen Alleskönner regiert zu werden.

Echte sächsische Rentner dagegen haben ihr dickes Stück Stollen zu  Weihnachten, genießen ihre demokratischen Freiheiten und erinnern sich noch gut an den damaligen KGB Oberstleutnant Putin, der in der Wendezeit in seiner Dresdner Dienstvilla gewaltige Mengen von Geheimdienstunterlagen verbrannte, "so viel, dass der Ofen kaputt ging". Solche Leute mag ein älterer Mensch nicht, der die Stasi nicht nur aus Geschichtsbüchern kennt. Zusammenfassend würde ich sagen, in einem Chemnitzer Bus kann man sich neben einen lebensfrohen „Best Ager“, einen frustrierten Alten oder einen „Geronto-Wolf“ setzen. Entscheiden Sie selbst!

Erschienen im Heft 01/15

Foto: Petra Bork / pixelio.de

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