Letzte Frage

Letzte Frage im Januar

Herr Kummer weiß Antwort

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Lieber Herr Kummer, gute Vorsätze fürs neue Jahr sind ein netter Brauch. Nun habe ich schon aufgehört zu rauchen, ernähre mich gesund, trinke nur in Maßen und zu geselligen Anlässen, achte meinen Partner, habe eine Tierheim-Katze aufgenommen, für Flüchtlinge gespendet, werfe kaum noch Lebensmittel weg, beziehe atom- und kohlefreien Strom, schaue wenig fern und wenn dann nur arte... Kurz: Ich bin eigentlich schon ein ziemlich guter Mensch. Brauche ich da noch gute Vorsätze?

Vielen Dank für diese Frage.
Jetzt sei doch bitte ehrlich zu dir selbst, mit dem Rauchen fängst du, wie im vorigen Jahr, spätestens im Februar wieder an und „ich achte meinen Partner“ klingt auch nicht gerade euphorisch. Willst du jetzt Glückwünsche für deinen vorbildlichen Lebenswandel? Irgendwann hockst du wieder vor dem Fernseher und vergisst, der Katze Futter zu geben. Die sogenannten geselligen Anlässe, Club und Kneipenbesuche werden leider wieder zu einer festen Gewohnheit. Du bist, und da solltest du dir nichts vormachen, noch kein guter Mensch. Immerhin, die Richtung deiner Entwicklung stimmt, nun sollte es aber um die Feineinstellungen oder wie Politiker zu sagen pflegen, das Justieren der Stellschrauben, gehen.

Ein wichtiger Vorsatz im neuen Jahr sollte die Arbeit an der erfolgreichen Selbstoptimierung sein. Um deine üblichen Rückschläge zu vermeiden, solltest du dich unbedingt der Quantified-Self-Bewegung anschließen. Hier geht es um strenge Selbstvermessung. Durch die Entwicklung vernetzter Vitalitätssensoren wie Körperfettwaagen, Blutdruckmessgeräten oder Schrittzählern und das Nutzen von Smartphone-Apps zur Erfassung von Informationen zu Sport, Lebenswandel und Gesundheit, ist es mittlerweile einfach geworden, die persönliche Entwicklung anhand von Daten nachzuvollziehen und zu steuern. Jetzt kannst du feststellen, ob das Rauchen wirklich nachteilig für deine Gesundheit ist oder ob das Zusammmenleben mit deinem Partner sich negativ auf deine Blut- und Leberwerte auswirkt. Du wirst feststellen, wie oft du einfach blöd in der Gegend rumstehst oder sinnlos aus dem Fenster glotzt. Damit muss im neuen Jahr endlich Schluss sein. Wichtig ist auch, künftig auf jegliche Form von Exzess, Wagnis und Überschwang zu verzichten. Hilfreich in diesem Zusammenhang ist sicher der völlige Verzicht auf abendliches Ausgehen.Viele Dinge, die dir oberflächliche Freude bereiten, könnten deine Körperleistungen beeinträchtigen. Bedenke stets, nur in einem optimierten Body kann ein guter Mensch stecken.

Andere sind in ihrer persönlichen Entwicklung natürlich schon einige Schritte weiter. Ich zum Beispiel werde im neuen Jahr endlich in ein Exoskelett schlüpfen, das meine Körperkräfte mindestens verdreifachen wird. Bezüglich meines wertvollen Gehirns arbeite ich konsequent am „Mind Uploading“-Prozess, das bedeutet, mentale Inhalte auf ein externes Medium zu übertragen. Durch diese Möglichkeit der Auslagerung meiner Hirnfunktionen an digitale Speicher werden mein Bewusstsein und meine Gedanken irgendwann endgültig nicht mehr an meinen Körper und dessen Einschränkungen gebunden sein. Bis dahin ist es aber leider noch ein langer, mühevoller Weg, aber erst wenn wir perfekte Cyborgs, optimierte Maschinenmenschen sind, können wir uns endlich von den nervigen guten Vorsätzen befreien.

Foto: by_kfm_pixelio.de


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