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Letzte Frage im März

Herr Kummer weiß Antwort

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Lieber Herr Kummer, ich hatte das Gefühl, dass der „Öffentliche Brief“ in Zeiten von Facebook-Hateposts etwas aus der Mode gekommen ist. Nun belebt Generaldirektorin Ingrid Mössinger dieses Genre neu mit einem Hassbrief zur schlechten Bahnverbindung von Chemnitz nach Leipzig. Welchem Thema würden sie gern mal einen öffentlichen Brief widmen?

Nein, ich möchte keinen offenen Brief verfassen. Das ist eher etwas für Profilneurotiker. So ein Schriftstück ist wie eine riesige Torte, die man mächtig stolz vor sich her trägt: Ich habe ein Anliegen, ein Statement und der gesamte Globus soll davon erfahren. Wenn Gruppierungen oder Organisationen so einen Brief aufsetzen ist das vielleicht gerechtfertigt, bei Privatpersonen wirkt das meist etwas seltsam. Der traurige Zustand der Bahnanbindung von Chemnitz ist doch allgemein bekannt, ein persönlicher Erfahrungsbericht von Frau Generaldirektorin, Ehrenlegionistin und Verdienstkreuzträgerin wird an der Lage sicher nichts ändern. Ich befürchte, weder die Mitteldeutsche Regiobahn noch die Deutsche Bahn stehen aus Ehrfurcht vor Frau Mössinger stramm. Vielleicht schreibt ja Bahnchef Grube einen offenen Brief an die Kunstsammlungen Chemnitz, in dem er sich beklagt, dass es selbst für Konzernbosse keine Möglichkeit gibt an Wochentagen die Ausstellungen nach 18.00 Uhr zu besuchen, oder wieso hat das Museum montags geschlossen?

Offene Briefe von Einzelpersonen scheinen wieder mächtig in Mode zu kommen. Horst Seehofer ist da ein echter Trendsetter. Er schreibt neuerdings jede Menge Briefe, um die Politik der Herrschenden in Berlin anzuprangern. Man könnte den Eindruck bekommen, dass seine CSU gar nicht in der Regierung vertreten ist und Telefone in Bayern abgeschafft wurden. Facebook ist nur eine weitere Plattform für diese Form der Öffentlichkeitsarbeit. Früher brauchte es noch die Mitwirkung der Presse, um einen Brief auch öffentlich zu machen. Heute ist das Internet, sind die sozialen Netzwerke, voller flammender Apelle und gewichtiger Sendschreiben. Hip-Hop Fachjournalist Marcus Staiger fühlte sich wegen eines Schmunzel-Gangsta-Rap-Videos von Fernsehulknudel Böhmermann zu einem zornigen offenen Brief genötigt. Wird der Straßen-Rap vom deutschen Bildungsbürgertum gefressen? Das Feuilleton brodelte - zumindest ein bisschen.

In Chemnitz finden sich neben Frau Mössinger selbstverständlich auch noch weitere Freunde dieser Form von Verlautbarungen. Nimmermüde ist beispielsweise Harald Krause vom Chemnitzer Jazzclub e.V.  Er bombardiert seit Jahren jedes erreichbare Medium, wenn er die Interessen des heiligen Jazz verletzt sieht. Unbestrittener König der Briefschreiber hierzulande ist allerdings Herr Musolt, Fossil und Gründer der örtlichen Pegida Truppe. Der wackere Patriot schreibt jede Menge öffentliche Briefe voller unfreiwilliger Komik. Adressaten sind die Oberbürgermeisterin, der Stadtrat, das Gesundheitsamt und sogar der russische Präsident. Wladimir Wladimirowitsch Putin hat sicher viel zu tun, da kann man bei Nichtbeantwortung der Post schon mal ein Auge zudrücken, nicht aber bei den städtischen Behörden und Amtsträgern, da sieht die Sache schon ganz anders aus. Hier erwartet Musolt selbstverständlich, zack, zack, auf seine wichtigen Schreiben eine Antwort. Offene Briefeschreiber brauchen dringend Beachtung. Nicht auszumalen, was mit dem Ego der Verfasser passiert, wenn die Öffentlichkeit desinteressiert reagiert. Nein, einen offenen Brief werde ich garantiert nie verfassen. Versprochen!

Foto: Wilhelmine Wulff / pixelio.de

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