Letzte Frage

Letzte Frage im Februar

Herr Kummer weiß Antwort

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letzte Frage

Bild: Anguane / pixelio.de

Lieber Herr Kummer, in der Herrentoilette einer Gastronomie sah ich an die Wand gekritzelte Frauenbrüste und rundherum einige zotige Sprüche. Ist die Toilette der geduldete Raum, an dem Sexismus noch als ungestrafte Albernheit durchgehen darf oder die letzte Bastion, die es im Kampf gegen sexistische Kackscheiße zu stürmen gilt?

Die uns bekannten Klosprüche sind eine spezielle Form des Graffiti, die man an den Innenwänden öffentlicher Bedürfnissanstalten findet. Man spricht auch von Abortsprüchen, Fäkalgraffiti oder Latrinalia. Von Toiletten als einer Bastion „sexistischer Kackscheiße“ würde ich nicht sprechen. Wieso dieser Begriff bei Frauenrechtlerinnen so beliebt ist bleibt mir ohnehin rätselhaft. Kein ernsthafter Globalisierungskritiker spricht von „Wallstreet Pipipuller“, kein Demokrat beispielsweise von den „nazistischen Pupsfurzen“. Wieso aber verwenden gerade Feministinnen so eine peinliche Kindergartensprache? Egal, diese Frage muß ich an dieser Stelle nicht beantworten. Sexistische Klosprüche sind keine Männerdomäne, sie finden sich selbstverständlich auf Herren- und Damentoiletten. Sie werden mit Bleistift, Kugelschreiber oder Filzstift geschrieben oder mit spitzen Gegenständen eingeritzt. Klosprüche können alle möglichen Inhalte umfassen, vom dringenden Wunsch nach Sexkontakt, zotigen oder humoristischen Dichtungen bis hin zu politischen Bekenntnissen und musikalischen Vorlieben kann man – je nach Standort der Toilette – viele Formen von Klograffiti sehen. Oft sind auch obszöne oder satirische Zeichnungen zu finden.

Schon die Römer haben Nachrichten und Bilder - sogenannte Latrinalia - in die Wände ihrer Klos geritzt. Da ging es auch auf der Damentoilette richtig deftig zu, pornografische Zeichnungen zierten die Wände, Liebhaber wurden bis in die kleinsten Einzelheiten beschrieben. Interessanterweise gab es zu dieser Zeit eine Göttin namens Cloacina, die für den Schutz der Toiletten, Abzugskanäle und sicher auch der Latrinalia zuständig war. Männliche Gottheiten im Umfeld der Bedürfnissanstalten waren z.B. Stercutius, der Gott des Kotes oder Crepitus, der Gott der Blähungen. Erste Untersuchungen der Neuzeit zum Thema Toiletten-Graffiti veröffentlichte die zwischen 1904 und 1913 erschienene Wiener Zeitschrift Anthropophyteia, zu deren Mitarbeitern Sigmund Freud gehörte. Sie mutmaßte, "daß die Luft der Latrinen für viele Besucher etwas Inspiratorisches hat".

Nach neuesten Forschungen gibt es einige interessante Unterschiede hinsichtlich Häufigkeit und thematischer Inhalte bei der künstlerischen Gestaltung von Herren- und Damentoiletten. Männer neigen angeblich eher zu einer kurzen Parolensprache, sind in der Klowelt aggressiver und zynischer als Frauen. Eingriffe in Text und Bild sowie Übermalungen von Inschriften anderer sind in der Herrentoilette die Regel. Die Damen vertrauen auch emotionale Themen wie Liebe oder Angst vor dem Verlassenwerden der Klowand an - Sensibilitäten, die auf Herrenklos nicht vorkommen. Hier finden sich wiederum deutlich mehr politische Statements. Eindeutig ist, dass egal ob Männer- oder Frauentoiletten, die überwiegende Anzahl der Sprüche und Abbildungen sexueller Natur sind. Wenn es nach den „Piraten“ geht, soll es in Zukunft jede Menge Unisex-Toiletten geben, die ersten dieser geschlechterneutralen Einrichtungen werden noch in diesem Jahr im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg eingerichtet. Wird sich dadurch etwas an den Inhalten der Klograffiti ändern? Ich glaube nicht.
Männer, Frauen, Trans- und Intersexuelle kommen und gehen, der versaute Klospruch aber bleibt bestehen.

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