Letzte Frage

Letzte Frage im April

Herr Kummer weiß Antwort

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Lieber Herr Kummer, ich stelle die Charakterfrage. Immer wieder lese ich von ihr, nur eine Antwort kann ich nirgends finden.

Was ist denn das für eine verkopfte Frage? Ist das 371 neuerdings eine Philosophenzeitschrift, ein Intellektuellenblatt? Aber zugegeben, diese ominöse Charakterfrage taucht in unserer Zeit immer häufiger auf. Offensichtlich ist es so, das, wenn politische und gesellschaftliche Ereignisse immer schwerer zu verstehen sind und ein schlichtes Schwarz/Weiss-Denken damit unmöglich scheint, die Charaktere der Beteiligten durchleuchtet werden.

Was bezweckt Wladimir Wladimirowitsch Putin mit der Annexion der Krim? Womöglich hat ihm als Kind jemand etwas geklaut oder er wurde als junger, sensibler KGB-Mitarbeiter in seiner Dresdner Zeit ständig als „blöder Iwan“ verspottet. So etwas prägt den Charakter. Gerüchte über eine versteckte Homosexualität verstummten bei Putin nie völlig, vielleicht wollte er ja deshalb den Frauen der Welt beweisen, dass er durchaus etwas erobern kann, die Krim zum Beispiel. Die Charakterfrage wurde auch bei unserem damaligen Bundespräsidenten Wulff gestellt. Ein ehemaliger Schulfreund packte gnadenlos aus. Wulff habe vor mehr als 30 Jahren, um Schülersprecher zu werden, seine Mitschüler bestochen. Die Älteren hätten Geld bekommen, die Jüngeren Süßigkeiten, After-Eight-Täfelchen, um genau zu sein. Somit war klar, der Mann hat einen miesen Charakter oder ist sogar völlig charakterlos. Warum ist die FDP untergegangen? Parteichef Röslers Führungsschwäche resultierte aus Erlebnissen als vietnamesisches Waisenbaby und der Scheidung seiner Adoptiveltern. Ein schwächlicher Charakter, raunte die Presse. Früher noch gültige, gnädige Grenzen zwischen Privatem und öffentlichen Leben werden gerne eingerissen, um etwas über den Charakter einer Person zu erfahren. Kanzlerin Merkel, die Brandenburger Sphinx, ziert sich noch ein bißchen. Sie versteckt ihren Mann und gibt nur unwillig Details aus ihrem Privatleben preis. Immerhin wissen wir, dass sie Kartoffelsuppe mag, ein Häuschen in der Uckermark besitzt und Angst vor großen Hunden hat. Reicht das, um ihren Charakter und damit ihr Verhalten auf der Weltbühne zu entschlüsseln? Hier muss noch Einiges an Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Immer wieder wird die Charakterfrage auch in der Welt des Sports gestellt. „Du kannst deine Frau verlassen, aber niemals deinen Verein“ so bringt es Fußballfanatiker und Schriftsteller Nick Hornby für viele Fans auf den Punkt. Doch was ist mit den Spielern? Torhüter Neuer, ehemals Schalke Ultra und der Dortmunder Zuschauerliebling Lewandowski sind zu Bayern München gewechselt. Sind diese beiden jetzt charakterlose Gesellen? Insgeheim ahnen selbst knüppelharte Fans, dass sich die Charakterfrage im Profi-Fußball ohnehin verbietet, denn anders als in den Fan-Blöcken existiert auf dem Rasen nur eine Identifikation auf Zeit. Im Millionengeschäft Fußball sind die Profis längst zu Wanderarbeitern mutiert, die es dorthin verschlägt, wo am besten bezahlt wird. Das hat nichts mit Charakter zu tun, das ist Business. Rund 60 Millionen kassiert Lewandowski in den nächsten fünf Jahren in München, da konnte Dortmund nicht mithalten. Andere schon: Um ein Haar hätte Real Madrid den Bayern den Angreifer noch weggeschnappt. Die Spanier unterbreiteten Lewandowski ein charakterloses Angebot. 9,5 Millionen im Jahr, 14 Millionen Euro Handgeld. „Eine Kriegserklärung“, ereiferte sich Bayern-Boss, Wohltäter und moralische Lichtgestalt Uli Hoeneß, kurz bevor er sich weinend vor Gericht der Charakterfrage stellen musste.

Foto: Lisa Spreckelmeyer  / pixelio.de



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