Letzte Frage

Letzte Frage im März

Herr Kummer gibt Antwort

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Wie hieß das Erzgebirge, bevor dort Erz gefunden und abgebaut wurde?

Lieber Herr Kummer,
ich habe eine Frage, die mir schon lange auf den Nägeln brennt. Wie hieß das Erzgebirge, bevor dort Erz gefunden und abgebaut wurde? Über eine Beantwortung in einem der nächsten Hefte würde ich mich sehr freuen. Es wäre doch schade, wenn ich mich damit an die Freie Presse wenden müsste…

An die Freie Presse wenden? Diese Zeitung mit ihrer chaotischen Vergangenheit, ihrem häufigen Besitzer- und Namenswechsel ist wohl kaum der richtige Ansprechpartner für eine seriöse Frage. Im Wandel der Zeiten nannte sich dieses Blatt Die Presse, Chemnitzer Volksstimme, Volkszeitung, Chemnitzer Freie Presse, Volksstimme, Sächsische Zeitung und Sächsische Volkszeitung. Das Spektrum der Redakteure reichte von Gustav Noske, einem späteren Reichswehrminister, auch Bluthund oder Blutnoske genannt, bis zum Anarchistenführer Johann Most, der ein vielbeachtetes Handbuch zum Bombenbau veröffentlichte. Derzeit scheinen zwar von der Freien Presse keine extremistischen Gefahren auszugehen, dennoch ist Vorsicht geboten.

Nun aber zum Erzgebirge.
Vor dem 10. Jahrhundert war dieser Landstrich offensichtlich nur ein menschenleerer Urwald, viel zu unbedeutend, um ihm einen eigenen Namen zu geben. Später nannte man die wüste Gegend wenig schmeichelhaft „ Miriquidi“, das bedeutet Dunkel- oder Finsterwald. Besser klingt Böhmischer Wald, dieser Begriff tauchte ab dem 12. Jahrhundert auf und wird bis zum heutigen Tag für die tschechische Seite unseres Mittelgebirges verwendet. Als dann ergiebige Silberfunde das große „Berggeschrey“ zwischen Freiberg und Joachimsthal auslösten verwandelte sich die wilde sächsische Landschaft in einen gewaltigen Ameisenhügel. Tausende Glücksucher, Herumtreiber und Bergleute wühlten sich in einer hitzigen Atmosphäre, wie wir sie aus Western Filmen kennen, durch die Berge. Mit schönen Worten rief der Markgraf von Meißen die Bergbaufreiheit aus: „Wo eyn man ercz suchen will, das meg her thun mit rechte“. Das bedeutete, dass jeder überall graben und die gefundenen Bodenschätze als Verdienst behalten durfte. Wenn man also Glück hatte und auf eine dicke Erzader stieß, konnte man in kurzer Zeit zu ordentlichem Reichtum kommen. So etwas sprach sich in Nah und Fern natürlich schnell herum. Siedlungen, ganze Städte wurden neu gegründet, da die Bevölkerung sprunghaft zunahm.

Alles war neu oder mindestens gründlich umgekrempelt und so scheint es folgerichtig, dass auch die Böhmischen Berge umbenannt wurden. Der Heimatkundler Petrus Albinus verwendete den Namen Erzgebirge erstmalig 1589 in seiner Chronik. Altbewohner, die protestieren konnten, waren gegenüber den Zugezogenen klar in der Minderheit und so bürgerte sich die aktuelle Bezeichnung schnell ein. Ohne die Erzfunde würden die Erzgebirgler heute sicher Böhmer heißen, oder gar Dunkel-bzw. Finsterwäldler. Pures Glück hatten die Gebirgsbewohner auch, als in der sozialistischen Umbennungseuphorie nur Chemnitz einen neuen Namen verpasst bekam. Das naheliegende Mittelgebirge blieb trotz der verdienstvollen Uranlieferungen an die Sowjetunion verschont. Karl-Marx-Stadt, das Tor zum strahlenden Walter-Ulbricht-Gebirge oder Karl-Marx-Stadt mit Blick zum uranernen Wismut-Land, diese Mottos möchte man sich nicht auf Postkarten vorstellen.

Foto: Wikipedia.de / by Rafael Brix (SehLax)

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