Letzte Frage

Letzte Frage: Februar 2012

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letzte frage tazzen

Lieber Herr Kummer, in der bundesweit erscheinenden Tageszeitung taz erschien neulich ein humorig-bösartiger Artikel über Chemnitz. Ein Sturm der Entrüstung, in dem sogar unsere Oberbürgermeisterin mitwirbelte, entlud sich über der taz. Dabei war es doch nur Satire. Sind die Chemnitzer wirklich so humorlos?

Ja, ja, der Artikel in der taz. Ich hatte gehofft über die Angelegenheit ist mittlerweile der gnädige Mantel des Vergessens gebreitet worden und nun diese Frage. Haben die Leser des 371 keine anderen Probleme? Eine kleine, von permanenten Existenzsorgen gebeutelte Zeitung aus Berlin hat auf ihrer Satire Seite „Die Wahrheit“ einen Beitrag über unsere stolze Heimatstadt veröffentlicht. Neuberliner Gückel, Autor der Zeilen, eine gescheiterte Existenz aus dem Progressiv-Metal-Umfeld mit Ziegenbart und Pferdeschwanzfrisur, hätte in seiner verzweifelten Suche nach Beschäftigung sicher auch gern die Terrasse des Zeitungsgebäudes gefegt. Er wurde aber, sicher auch zu seiner eigenen Verblüffung, dazu verdonnert einen satirischen Beitrag zu verfassen. Vielleicht dachte die taz-Redaktion, ein Mann, der in seiner Bayreuther Heimat in einer obskuren Band mit dem Namen „Gentrification“ tätig war, ist befähigt etwas Originelles über ostdeutsche Städte zu schreiben.

Wie auch immer, Gückel gehorchte und lieferte seinen Beitrag ab. Kackbraun und aschgrau, Plattenbau und Depression, die Bewohner heißen Ronny und Enrico, dazu noch ein kleiner Versuch den hiesigen Dialekt nachzuahmen – fertig ist der Text über die Zone. Um dem Ganzen noch etwas Unverwechselbares zu verleihen, muss natürlich der Karl-Marx-Kopf erwähnt werden und nun hoffte der Autor, die Leser der Zeitung finden das alles witzig, satirisch und originell. Was Gückel sicher nicht ahnte: Routinierte taz-Konsumenten beachten die „Die Wahrheit“-Seite schon lange nicht mehr. Den Verfall der Satireabteilung dieser Zeitung zu beobachten, ist für viele wie einer Pflaume beim Schimmeln zuzusehen. Früher agierten hier noch gestandene Figuren wie Wiglaf Droste oder Gerhard Henschel, man legte sich mit Politikern von Vera Lengsfeld bis Lech Kaczynski an und lieferte sich einen interessanten Rechtsstreit mit „Bild“ Chefredakteur Diekmann wegen dessen angeblicher Penisverlängerung.

Und nun schreibt hier jemand, der nach Selbstauskunft sein journalistisches Handwerk in den Redaktionen der Zeitschriften PROTECTOR, mo und W&S erlernte. Das ist tragisch für die taz und ihre „Wahrheit„-Seite. Die Chemnitzer, inklusive Bürgermeisterin, waren über den Beitrag schwer empört. Eigentlich hätten die Genossenschafter und Abonnenten der taz entrüstet sein müssen, aber da hat sich offensichtlich Resignation breitgemacht. Als klares Humorstatement prangt nämlich seit einigen Jahren an der Fassade des taz-Gebäudes ein großer Pimmel - Wandfries des nervigen Polit-Großkünstlers Peter Lenk. Wer diese peinliche Kunst für tolle Satire hält, der kann auch gut mit der „Gückelschen Wortmanufaktur“ leben. Muss aber der Chemnitzer über jeden abgestandenen Käse lachen und darf sich nicht aufregen, nur weil der Beitrag auf einer Humorseite als unbedingt witzig gekennzeichnet wurde? Ich glaube nicht.

Als Humortest könnte man dann eher den „Geriatriker aller Länder vereinigt euch“ Text von Oliver Maria Schmitt aus der FAZ empfehlen und ansonsten gilt: Die Gückels kommen und gehen – Chemnitz jedoch bleibt bestehen.

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