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Letzte Frage im Dezember

Herr Kummer kennt die Antwort

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Lieber Herr Kummer, Chemnitz will Kulturhauptstadt Europas werden, zumindest für ein Jahr. 2025 soll wieder einmal eine deutsche Stadt dran sein, doch zum jetzigen Stand wollen auch Magdeburg, Halle, Nürnberg, Dresden, Kassel, Lübeck, Hildesheim, Stralsund und Mannheim ihre Kulturhüte in den Ring werfen. Was muss die Task Force um Barbara Ludwig leisten, um all diese Kandidaten auszustechen?

Zunächst sollte sich die Task Force einfach zurücklehnen, Kaffee trinken, Kuchen essen und abwarten. In der Zwischenzeit demontieren sich die anderen Bewerber selbst. Dresden, die aktuell uncoolste Stadt Sachsens, hat gerade erst zu den Feierlichkeiten zur deutschen Einheit gezeigt, wie dort mit Besuchern umgegangen wird. Sensible Kulturtouristen wollen doch nicht von hysterischen Wutbürgern angeschrien werden. Das alljährliche Dixielandfestival und die Dampferparade stehen der Landeshauptstadt gut zu Gesicht, Dresden braucht das Label Kulturhauptstadt so wenig wie den UNESCO-Welterbe-Titel.

Kassel wiederum hat alle fünf Jahre die Documenta, die weltweit bedeutendste Reihe von Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Jetzt will die Stadt auch noch Kulturhauptstadt werden? Bekommt hier jemand den Schlund nicht voll genug? Ob diese Gier international gut ankommt, darf bezweifelt werden. Hildesheim sollte zunächst im eigenen Haus für Ordnung sorgen, bevor die Stadt sich mit einer Bewerbung weit zum Fenster herauslehnt. Ich sage nur: rückhaltlose Aufklärung der sexuellen Verfehlungen im dortigen Bistum. Pfui Teufel! Auch die juristische Aufarbeitung des Mannheimer Hygieneskandals läuft derweil noch. Stadt im Quadrat ist übrigens der traurige Beiname dieser Kommune. Auch wenn die Söhne Mannheims im Quadrat springen, Kulturhauptstadt wird dieser steinerne Modellbaukasten niemals.

Die Lübecker Altstadt und das heilige Marzipan haben eine ehrenvolle Geschichte, diese Errungenschaften müssen gepflegt und verteidigt werden. Für eine ernsthafte Bewerbung zur Kulturhauptstadt dürfte Lübeck keine Ressourcen übrig haben. Sollte ein Standort für einen internationalen Kulturbanausengerichtshof gesucht werden ist Nürnberg, historisch bedingt, selbstverständlich erste Wahl. Historie steht auch in Magdeburg hoch im Kurs, die Stadt heißt jetzt Otto-Stadt. Der Name geht zurück auf Kaiser Otto (912-973), der in Magdeburg ein Erzbistum gründete. Nürnberg und Otto-Stadt dürfen ihre Kulturhüte gern in den Ring werfen - Chancen haben sie nicht.

Halle wird in Kürze von Leipzig eingemeindet und Stralsund versinkt durch den Anstieg des Meeresspiegels bald in der Ostsee, diese Bewerber gibt es also im Jahr 2025 gar nicht mehr. Und nochmal zu Hildesheim, es steht mit rund 100.000 Einwohnern an der Schwelle zwischen Klein- und Großstadt. Ja, was denn nun? Diese Kommune sollte sich erst einmal klar werden, was sie ist, bevor sie sich für irgendwelche Titel bewirbt.

Der einzig mögliche Kandidat für die Kulturhauptstadt Europas ist und bleibt also Chemnitz. Wenn unserer Task Force die Zeit bis 2025 zu langsam vergeht, wenn sie unbedingt etwas unternehmen will, könnte höchstens über ein bisschen Bestechung nachgedacht werden. Bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 bot z.B. die Zeitschrift TITANIC den Entscheidern Präsentkörbe mit Schwarzwälder Schinken und Kuckucksuhren an. Das war, wie wir heute wissen, das Zünglein an der Waage. Deutschland bekam sein Sommermärchen.

Foto: Sybille Daden  / pixelio.de

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