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Letzte Frage im Juni

Herr Kummer weiss Antwort

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Herr Kummer weiss Antwort

Lieber Herr Kummer, meine Schuhe sind kaputt. Leider verkauft keiner mehr solche, die mir gefallen. Das gleiche gilt übrigens auch für mein Sofa und mein Auto. Wird die Welt immer hässlicher oder bin ich zu alt für den Konsum?

Vielen Dank für diese ehrliche Frage. Ich befürchte du bist nicht zu alt für den Konsum, sondern eher ein willenloser Spielball unserer Konsumgesellschaft. Du erwartest die sofortige und passgenaue Befriedigung deiner persönlichen Wünsche, am besten gleich im Laden nebenan. Du willst den eckigen Volvo mit dem Luftwiderstand einer Schrankwand, rahmengenähte Gesundheitsschuhe mit Korksohle und genau das geblümte Sofa, das im Wohnzimmer deiner Großeltern stand. Die Welt scheint dir hässlich und böse, weil sie sich seit den 70er Jahren weitergedreht hat. Bevor du dich jetzt schmollend in das, nach deinem Auszug unverändert gebliebene Jugendzimmer bei deinen Eltern vergräbst, empfehle ich dir den Ausbruch aus der passiven Konsumenten-Welt. DYS oder Selberbasteln, wie wir in Sachsen sagen, ist das Zauberwort moderner Individualisten. Einer der dienstältesten Helden dieser Bewegung ist Christian Kuhtz aus Kiel, der bereits seit den 70er Jahren seine Heftreihe „Einfälle statt Abfälle“ vertreibt. Er ist ein genialer Verwerter von Wohlstandsmüll, Erfinder und Designer. Der Mann entwirft und baut alles, vom Haushaltsgerät bis hin zu einer funktionstüchtigen Solaranlage. In seinen Heften hat er präzise Bauanleitungen verfasst, die, zusammen mit liebevollen Handzeichnungen, den preisgünstigen Nachbau auch für interessierte Laien erfreulich einfach machen. Für Menschen, die einmal ihre eigene Komposttoilette erbaut haben, für die ist das Herstellen von Schuhen und Sofas eine lässige Fingerübung. Wem die selbstgenügsame Öko-Welt des Herrn Kuhtz fremd ist, den könnten 3D-Drucker faszinieren. Selbst Autos, diese  komplexen Gebilde, können in naher Zukunft individuell designt und mittels dieser Maschinen erschaffen werden. Die amerikanische Start Up Firma Local Motors hat auf einer Automesse in Las Vegas kürzlich  den LM3D Swim vorgestellt, eine Art Strandbuggy aus dem 3D-Drucker. Bereits 2016 wollen die US-Amerikaner erste Bestellungen für das Plastikauto annehmen und 2017 soll es dann auf die Straße gehen. Fahrzeuge, die bislang noch als Varianten weniger Modelle in großen Stückzahlen in riesigen Fabriken hergestellt werden, sollen zukünftig maßgeschneidert, selbst für kleinste Nischengruppen, entwickelt werden. "Wir können im Prinzip alles bauen, vom Skateboard bis zum Satellit". Mit diesem Konzept will das US-Unternehmen in den nächsten zehn Jahren weltweit 100 Microfabriken hinstellen. Der Trend geht also selbst im Fahrzeugbau eindeutig in Richtung DYS.  Überall erfährt die Heimmanufaktur eine Renaissance, nach Feierabend werden selbst Büroangestelle zu Bierbrauern, Seifensiedern und Strickclubbesuchern. Lieber Leserbriefschreiber, du kannst selbstverständlich weiter apathisch über die hässlichen Zeiten in denen wir leben jammern, du kannst auf Flohmärkten, E-Bay oder Manufactum werthaltigen Produkten der Vergangenheit nachjagen oder aber, du reißt dich endlich zusammen und bastelst dir die Dinge die du magst einfach selbst.

Bild: Helene Souza  / pixelio.de

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