Letzte Frage

Letzte Frage im Juni

Herr Kummer weiss Antwort

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Lieber Herr Kummer,
Chemnitz hat also eine Bankkrise. Zwei neue Sitzbänke vor dem Smac sollen übermäßig teuer und noch dazu unsitzbar sein. Der Sparfuchs flucht, der Ästhet jedoch sieht hohe Kunst im Stadtmöbel. Sitzen Sie als bekanntermaßen sparsamer Künstler hier zwischen den Stühlen?

Vielen Dank für diese mit raffinierten Wortspielereien gewürzte Frage. Mich, als ambitionierten und extrem ehrgeizigen Künstler ärgert selbstverständlich, dass ich bei der Auftragsvergabe für die Verschönerung des Stefan-Heym-Platzes nicht zum Zuge gekommen bin. Ich bin nicht mal gefragt worden. Man hat mich schnöde übergangen. Was hätte ich nicht für schöne Dinge vor das Smac stellen können.

An dieser Stelle werde ich meine genialen Ideen allerdings nicht darlegen, denn die gnadenlose Konkurrenz lauert überall, auch in der Leserschaft des 371. Nachdem ich ein paar Monate vor Wut nicht einschlafen konnte und unzählige Beschwerdebriefe verfasst hatte, wurde mir allerdings klar, dass es sich in diesem Fall tatsächlich nur um zwei Möbelstücke handelt.

Das ist nicht das Fachgebiet bildender Künstler. Hier können sich Designer, Landschaftsarchitekten und talentierte Tischler um die Aufträge prügeln, hier geht es nicht um die große Kunst. Zwei abgeschliffene Holzbalken stehen nun auf dem Platz vorm ehemaligen Schocken Kaufhaus und sollen zum Sitzen und Verweilen einladen.

So weit mir bekannt ist, herrscht auf dem Stefan-Heym-Platz keine Sitzpflicht, die Bürger können also die Bänke ignorieren oder benutzen. Was du, lieber Leserbriefschreiber als „Bankkrise“ bezeichnest, ist doch eher das übliche Maulen über alles, was im öffentlichen Raum installiert wird. Aufregend finde ich das nicht. Manchen gefallen die Sitzmöbel, anderen gefallen sie nicht. Jeder darf sich doch seine persönlichen Hassobjekte oder Lieblinge aussuchen. Ich finde übrigens den privat finanzierten Saxonia Brunnen auf dem Johannisplatz, mit dieser grotesken, von einer Zuckerdose gekrönten Figur im Zentrum, an unfreiwilliger Komik kaum zu überbieten. Auch die Gestaltung des figürlichen Glockenspiels am alten Chemnitzer Rathaus ist, vorsichtig gesagt, Geschmackssache. In dem hier angesprochenen Fall der Smac-Eichenbänke, schimpfen Senioren über die geringe Sitzhöhe, Eltern über die nicht kindgerechte, zu hohe Sitzfläche. Manchen sind die Bänke zu hart, anderen zu pflegebedürftig. Der Klassiker: „Das hätten auch Einheimische machen können“, zuletzt gehört bei der Schornsteinbemalung am Heizkraftwerk Nord, bleibt angesichts der Auftragsvergabe an die Berliner Firma Tepotek 1 natürlich nicht aus. Der größte Aufreger ist aber der Preis für die beiden Sitzbänke: 61000€ für Eiche-Kernholz, je 10,50 und 4,50 Meter lang, inklusive Punktfundamente!

Kommunale Ausgaben für Kunst und Design werden vom Bürger immer besonders argwöhnisch beäugt. Was könnte man mit diesem Geld nicht alles anfangen? Wie wäre es mit achtzig Meter Straßenausbesserung auf dem Südring oder 6213 Teddybären, 104 Überraschungseiern und drei Blumensträuße für bedürftige Chemnitzer? Stadt und GGG hätten das schöne Geld auch in Bundesschatzbriefen anlegen oder erfolgreich mit Telekom-Aktien spekulieren können. Vorschläge gibt es viele. Richtig konsequent wäre natürlich, den Karl-Marx-Kopf beim Buntmetallhändler zu veräußern und durch eine preiswerte Plastikkopie zu ersetzen. Die städtischen Museen, vor allem das Gunzenhauser, könnten in Parkhäuser umgewandelt werden, Schauspielhaus und Oper gäben sicher originelle Supermärkte ab. Überall kann gespart werden, nicht nur bei Holzbänken. Ich allerdings, von wegen Sparfuchs, würde mir von den 61000€ einen gesteppten Brokatmantel mit Goldknöpfen und Hermelinpelz kaufen oder einen gebrauchten Lamborghini Gallardo Superleggera E-Gear Sportflitzer anzahlen.

Foto: Johannes Richter

Erschienen im Heft: 06/15

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