Letzte Frage

Letzte Frage im März

Herr Kummer kennt die Antwort

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Lieber Herr Kummer, eine überfällige Frage, wie ich finde: Es geht um den berühmten „Chemnitzer Halbkreis“, jenes Phänomen, welches die halbrunde, leere Fläche vor Konzertbühnen beschreibt. Ist das tatsächlich eine lokale Eigenheit? Woher kommt sie? Und kann man das nicht touristisch vermarkten?

Anders als die Thermoskanne und der Aktendulli wurde der Konzert-Halbkreis leider nicht in Chemnitz erfunden. Dieses Phänomen ist in unserer Stadt höchstens verfeinert worden. Durch einen Männerüberschuss, strenge Mienen und verschränkte Arme kann man einen Halbkreis durchaus aufpeppen. In anderen Großstädten wiederum sind gelangweilte Hipster, die längst jeden Trend analysiert haben und alle Konzertvarianten schon seit Jahrhunderten kennen, berüchtigte Halbkreis- Randfiguren. Diese Gäste verfolgen die Darbietungen betont gelangweilt oder geben halblaute, ironische Kommentare von sich. Aber woher kommt der weltweit bekannte Live-Halbkreis?

Die leere Fläche vor einer Konzertbühne wurde zum ersten Mal 1924 anlässlich eines Konzertes der Ted Lewis Band in Cleveland/Ohio dokumentiert. In der lokalen Tageszeitung „The Plain Dealer“ war zu lesen: „Bandleader Lewis tanzte wild mit seinem eigenen Schatten, fuchtelte mit seinen Armen, schwitzte wie ein brünstiger Zuchtstier und spuckte wie ein Lama. Angesichts dieser animalischen Zurschaustellung musikalischer Ekstase wich das Publikum erschrocken in einem Halbkreis zurück.“ Die Reaktion der Gäste bei diesem Konzert ist nachvollziehbar, aber eine Lücke vor der Bühne war für Veranstalter und Bands schon immer ein Ärgernis, und es gab die verschiedensten Erfindungen, um dieses Phänomen zu bekämpfen.

Neben der schlichten Aufforderung: „Kommt doch mal ran!“ oder der flehenden Klage: „Wir können euch gar nicht sehen!“ entwickelten Bands Entertainmentvarianten wie z.B. das Crowdsurfen. Hier springen Besucher von der Bühne auf die direkt davor stehenden Gäste. Beim Stagediven hüpft ein mutiger Künstler vom Podium ins Publikum und lässt sich von der Menge auffangen und weitertragen. Selbstverständlich darf bei dieser Prozedur keine leere Fläche vor der Bühne existieren.

Beim klassischen Headbanging sollten sich Interessierte ebenfalls nicht allzuweit von der Bühne entfernen. Hier wird der Kopf im Takt der Musik schnell vor- und rückwärts, seitwärts, im Kreis oder in Achterform bewegt. Headbanging wurde erstmals bei einem Konzert von Led Zeppelin im Jahre 1968 beobachtet, als Fans in der ersten Reihe damit begannen, ihren Kopf ekstatisch im Rhythmus der Musik auf den Bühnenrand zu schlagen. Bei der Wall of Death, einer Erfindung der Hardcore Band Sick of it All, wird der leere Halbkreis vor dem Podium rabiat gefüllt. Zwei in etwa gleichgroße Publikumsfraktionen rennen nach einem Startsignal der Band aufeinander zu und prallen vor der Bühne zusammen.

Keine dieser Konzertinnovationen ist ein Chemnitzer Produkt. Unsere Stärken liegen in anderen Bereichen. Reisende aus aller Welt sind herzlich eingeladen, den schönsten künstlichen See Europas in Oberrabenstein, das Wohngebiet Fritz-Heckert oder das WLAN-freie Tietz zu besuchen. Leere Halbkreise, und die vielfältigen Bemühungen diese zu füllen, kennen die Touristen von zu Hause.

Foto: S. Hofschlaeger  / pixelio.de

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