Letzte Frage

Letzte Frage: Januar 2011

Herr Kummer gibt Antwort

Veröffentlicht am:

Reifenspur im Schnee

Lieber Herr Kummer, aller Orten herrscht Schneechaos und als Fußgänger ist man aller Nase lang damit beschäftigt, Kraftfahrzeuge aus verwehten oder vereisten Parklücken zu schieben. Aber man hilft ja gern. Nur neulich war ich unsicher. Ein nagelneuer, breitbereifter Mercedes 300 SL, Cabriolet, und darin eine sehr blonde, sehr glatt geschminkte Frau, der man ansah, dass sie dieses Luxusvehikel nicht mit ehrlicher Hände Arbeit erwirtschaftet hatte, war in auswegloser Situation festgefahren. Ich tat so, als hätte ich es sehr, sehr eilig und ließ die Frau allein verzweifeln. Herr Kummer, hätte ich doch helfen sollen?

Zunächst überlege ich, was eigentlich unter „ehrlicher Hände Arbeit“ zu verstehen ist. Gibt es unehrliche Hände? Besteht die Möglichkeit, mit unehrlichen Händen ehrliche Arbeit zu verrichten?

Wir wollen uns aber lieber auf den Fakt konzentrieren, dass für den Erwerb eines neuen Mercedes ein großer Haufen Geld nötig ist. Eine Triebfeder der Erwerbstätigkeit im sächsischen Turbo-Kapitalismus ist natürlich der gute alte Sozialneid. Ein protziger Wagen signalisiert der Nachbarschaft Fleiß und Tatkraft, finanzielle Potenz und Unabhängigkeit. Wenn allerdings so ein Schmuckstück hilflos wie ein auf den Rücken gedrehter alter Käfer am Straßenrand herum strampelt, ist das Gewinnerimage schwer beschädigt. Der Zuschauer fragt sich selbstverständlich, ob das Geld für einen Tiefgaragenplatz oder zumindest für Schneeketten nicht mehr gereicht hat oder ob das Auto vielleicht nur Kredit finanziert ist. Mercedes sollte den Käufern seiner überteuerten Modelle unbedingt einen standesgemäßen Winterservice bieten z.B. eine werkseigene Anschiebercrew, die per Hubschrauber blitzschnell am jeweiligen Einsatzort erscheinen kann.

Wie erniedrigend muss es für eine gepflegte, standesbewusste Dame sein, in einer peinlichen Situation auf die aktive Hilfe von autofreien Ökospinnern und sozial schmarotzenden Fußgängern angewiesen zu sein. Ein teures Auto, von zerlumpten Gesellen angeschoben, das ergibt kein schönes Bild. Ich finde, lieber Leserbriefschreiber, Sie haben richtig gehandelt, als Sie der Frau ihre Hilfe versagten. Das ein Aufeinandertreffen von Prunkmobil und Prekariat durchaus gefährlich sein kann, haben wir ja kürzlich in London sehen können, als der Rolls-Royce PhantomVI von Prinz Charles und Gattin Camilla in eine Meute demonstrierender Studenten geriet. Der teure Wagen wurde mit Farbbomben attackiert, eine Scheibe ging zu Bruch und die verschreckten Insassen wurden sogar mit „Kopf ab!“ Rufen bedacht. So etwas könnte auch der Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz passieren, diese Blondine hat einen preisintensiven Phaeton als Dienstwagen. Unsere Barbara Ludwig begnügt sich mit einem Audi A6 und

der Cottbusser OB hat interessanterweise gar keinen persönlichen Wagen. Welcher der hier aufgeführten Personen würden einfache Bürger in einer Notsituation wohl am liebsten helfen? Eine Handlungsvariante im hier beschriebenen Fall wäre gewesen, sich neben die Blondine in die sicherlich wohltemperierte Limousine zu drängeln und bei Prosecco und Kaviar aus der Bordbar, der Dame zu erläutern, was man mit Geld so alles Sinnvolles anstellen könnte, anstatt es in ein blödes, überdimensioniertes Auto zu stecken.

erschienen im 371 Stadtmagazin Januar 2011
Foto: photocase/zettberlin

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