Letzte Frage

Letzte Frage: Juni 2010

Herr Kummer gibt Antwort

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Stacheldraht

Lieber Herr Kummer, Chemnitz ist verschuldet und die Zeiten werden nicht rosiger. Anstatt das Tischsilber zu verscherbeln und die Stadt sozial sterben zu lassen, müssen andere Wege gefunden werden. Die WestLB, zu der ja auch die bankrotte SachsenLB gehört, hat es vorgemacht, indem sie ihre Risikoposition im Werte von 85 Milliarden Euro in eine „Bad Bank“ ausgelagert hat. Wäre es nicht ein sinnvoller Gedanke, direkt neben Chemnitz eine „Bad Town“ zu gründen? Eine böse Stadt, die alle Schulden erbt und ihrem Schicksal überlassen wird? Was sagen Sie?

Bei diesem Vorschlag handelt es sich um eine der Stadt der Moderne würdige und interessante Überlegung. Völlig neu sind solche Gedankengänge allerdings nicht. Bereits 1981 operierte der amerikanische Action Held Kurt Russel alias Snake Plissken im Film „Die Klapperschlange“ in einer hermetisch von der Außenwelt isolierten Bad Town. Das düstere Manhattan der Zukunft ist ein großes Hochsicherheitsgefängnis für Kriminelle und sonstige Feinde der öffentlichen Ordnung. Die sich selbst überlassenen Insassen bilden im Film sogar eine bizarre eigene Gesellschaftsform.

In der Realität finden wir eine Bad Town im bolivianischen Palmasola, unweit von Santa Cruz. Diese, in den 80er Jahren errichtete Hüttenstadt, wird ausschließlich von Verbrechern bewohnt und von diesen auch selbst verwaltet und bewirtschaftet. Von außen wird die Siedlung durch Paramilitärs streng bewacht. Bei diesen Beispielen geht es natürlich vor allem um das Auslagern von Kriminalität und Kriminellen. An dieser Stelle drückt Chemnitz, der sichersten Großstadt von Deutschland, nicht der Schuh. Hier geht es eher um das Verschieben und Verlagern anderer Dinge. Herr Lübbe, unser Schauspielhauschef möchte die Chemnitzer Studenten in das geplante Museum für Ur- und Frühgeschichte im ehemaligen Schocken Kaufhaus stecken.

Bürgermeisterin Ludwig will die Studenten in die leer stehende Aktienspinnerei zwingen. Die Studenten selbst wollen unbedingt in ihrem Pantoffeldorf an der Reichenhainer Straße bleiben. Die hiesige FDP wollte unlängst „alles was Krach macht“ an den Brühl verlagern und unsere GGG beabsichtigt, die jugendlichen Rabauken von der Reitbahnstraße nach Adelsberg und Reichenhain umzusiedeln. Da ist die Überlegung doch nur logisch, städtische Schulden, teure, unrentable Kultur- und Sozialeinrichtungen und durchaus auch unliebsame Bürger zum Beispiel nach Euba auszulagern. Flugs eine ordentliche Mauer um den Ortsteil gezogen und dann diese Bad Town ihrem Schicksal überlassen. Chemnitz könnte dann endlich von Altlasten befreit durchatmen und einen verheißungsvollen Neustart wagen.

Wie wichtig allerdings die konsequente Abriegelung einer solchen bösen Stadt genommen werden muss, ist am Beispiel Berlin zu sehen. Diese Kommune ist fast ausschließlich von Kriminellen und Präkariern besiedelt, verfügt über jede Menge defizitärer Kultureinrichtungen und ächzt unter einem enormen Schuldenberg. Nach dem Fall der Berliner Mauer, die lange Jahre einen Teil dieser Bad Town von der Außenwelt isolierte, übt diese Stadt vor allem auf labile, jüngere Menschen eine gefährliche, magnetische Anziehung aus. Dies sollte beim Projekt „Böse Stadt Euba“ unbedingt vermieden werden.

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erschienen im 371Stadtmagazin 06/2010

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