Letzte Frage

Letzte Frage: März

Herr Kummer gibt Antwort

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Hirsch

Lieber Herr Kummer, ein Leipziger Gastronom möchte am 6. März einen Oben-Ohne-Rodelwettbewerb im schönen Oberwiesenthal veranstalten. Der Bürgermeister von Deutschlands höchst gelegener Stadt will dies um jeden Preis verhindern. Ich bin mir nun selbst nicht mehr sicher: Ist ein Oben-Ohne-Rodelwettbewerb moralisch verwerflich? Oder weist dieser Wettbewerb auf den angeblichen Klimawandel hin, mit dem vielleicht auch ein notwendiger Wandel in der wintersportlichen Kleiderordnung einhergehen wird?

Globale Erwärmung, Klimawandel - dieser neumodische SchnickSchnack tangiert die wackereren Oberwiesenthaler wenig. Fehlt der Schnee werden eben Matten ausgelegt. Interessanter für die Einheimischen ist momentan eher die UNESCO Welterbeliste. Unter dem Titel „Montanregion Erzgebirge“ möchte sich die Region international empfehlen. Alte Handwerkstechniken und Zeugnisse der glorreichen Bergwerksgeschichte werden aufpoliert, die Gebirgsbewohner präsentieren sich als traditionsbewusster und kulturell aufgeschlossener Menschenschlag. „Schwibbogen und Laptop“ lautet die Devise. Während nun der gesamte Globus interessiert auf unser Erzgebirge blickt, kommt ausgerechnet ein Zugereister, ein windiger Gastronom aus Leipzig, und stört mit seinem geplanten Event den weihevollen Ernst und die staatstragende Ausstrahlung einer UNESCO-Bewerbung.

Ein Nackt- Rodelwettbewerb mit dem Untertitel „Schneelittchen und ihre Freundin mit den Megatitten“ wurde angekündigt. Wie würde die Weltpresse reagieren? Zweifellos leben wir in Zeiten, in denen selbst die moralische Instanz Katholische Kirche, mit Ferkeleien und Missbrauch von Schutzbefohlenen auf sich aufmerksam macht. Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin präsentiert in der lokalen Presse ihren neuen Lover und Guido Westerwelle vermutet Orgien von spätrömischer Dekadenz unter Sozialhilfeempfängern. Eine Dresdener Hobbykünstlerin verewigte ihr Stadtoberhaupt Helma Orosz nur mit Strapsen bekleidet auf einem großen Ölgemälde und gerüchteweise soll beim nächsten Hartmann-Jubiläum eine historische Dampflok von 20 nackten Frauen durch die Chemnitzer Innenstadt gezerrt werden. Da verwundert es kaum, dass auch unser sonst so sittenstrenges Erzgebirge vom Lotterleben bedroht wird.

Diese Gefahr vor Augen handelte der Oberwiesenthaler Stadtrat verantwortungsbewusst und verbot das Oben-Ohne-Rodeln. Jetzt könnte die Bergwelt wieder in Ordnung sein aber der flachländische Quertreiber gibt nicht auf. Am 6. März soll nun ersatzweise der „Erste deutsche Domina Rodelwettbewerb“ stattfinden. Furchteinflößende Damen in Lack und Leder sollen peitschenschwingend zu Tale rasen. Geplant ist weiterhin ein Vorbeimarsch der Dominas am Oberwiesenthaler Rathaus unter Absingen des grausligen NDW Titels „Ich will Spaß, Ich will Spaß - Ich geb Gas, Ich geb Gas“. Wo sonst Bergmänner in historischen Trachten paradieren, regieren nun Ballermann-Sound und Puff-Optik. Da wird es nicht nur dem Heimatkundler angst und bange. Dafür ist der Holzmichel sicher nicht gestorben. Dem standhaften Bürgermeister von Oberwiesenthal rufe ich von dieser Stelle ein solidarisches „Glück Auf“ zu, verbunden mit der Hoffnung, dass er als strahlender Sieger hervorgeht aus diesem Kampf Weltkulturerbe gegen Unmoral.

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erschienen im Heft 03/2010,
Foto: photocase.de/suze

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