Letzte Frage

Letzte Frage: Mai 2011

Herr Kummer gibt Antwort

Veröffentlicht am:

Letzte Frage Mai

Lieber Herr Kummer, nach letzten Umfragen könnte aktuell ein Grüner zum Bundeskanzler gewählt werden. Wo soll das bitte hinführen? Dürfen wir dann nur noch Bioalkohol trinken? Muss jeder seinen Wohnungsstrom per Fahrraddynamo selbst erzeugen? Oder sind meine Ängste übertrieben?

Zur Beruhigung möchte ich zunächst festhalten, dass nicht alle Themen die derzeit umher schwirren völlig neu sind. Bereits 1492 verfasste der Chemnitzer Hobbydichter und Pädagoge Paul Schneevogel eine Erzählung, in der die ungezügelte Ausbeutung der Natur, speziell im Erzgebirge, angeprangert wird. 1792 isolierte der Berliner Chemiker Klaproth aus Johanngeorgenstädter Pechblende ein bis dahin unbekanntes Element und nannte es: Uran. Im sächsischen Tharandt, der Heimat der ältesten noch bestehenden Forsthochschule der Welt, wurde bereits vor 200 Jahren ganz selbstverständlich mit dem Bergriff der Nachhaltigkeit umgegangen.

Die Frage, die sich momentan stellt, ist nicht ob ein Grüner zum Bundeskanzler gewählt wird sondern höchstens welcher. Alle bedeutenden Repräsentanten der Volksparteien sind neuerdings grünlich, nachhaltig selbstverständlich atomfeindlich und die Welt scheint völlig durcheinander geschüttelt. Frau Merkel war schon immer insgeheim Kernkraft-skeptisch. Der Grüne Oswald Metzger ist bei der CDU gelandet, Bionade gehört neuerdings zum Dr. Oetker Konzern und die EnBW Atommeiler von Baden Württemberg sind seit kurzem im Besitz der Grün-Roten Landesregierung. Der in seiner Jugend beim kommunistischen Bund Westdeutschland aktive Winfried Kretschmann, neuer Ministerpräsident des Schwabenlandes, wirkt wie ein konservativer Oberstudienrat, während FDP Chef Rösler scheinbar noch das Gymnasium besucht. Da wundert man sich kaum noch, dass sich Ökologin Renate Künast neuerdings als knallharter Hertha BSC Ultra präsentiert.

Dieser Traditionsclub war doch bislang die Heimat des Berliner Sozis Wowereit. Der möchte plötzlich bis 2050 die Energieversorgung der Hauptstadt komplett auf erneuerbare Energien umstellen. Übrigens ist der unbeliebte Biotreibstoff E10 kein Öko-Sprit sondern Agrarbenzin. Mit dem Begriff Bioalkohol würde ich also sehr vorsichtig umgehen. Den Wohnungsstrom sollten wir, mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln, gern auch per Fahrraddynamo, in Zukunft selbst erzeugen. Die grausame, ungeschminkte Wahrheit ist nämlich, dass nach der vollzogenen Energiewende Strom-Mehrkosten in Höhe von bis zu 40 Euro jährlich auf uns zu rollen. Das ist zwar eine gewaltige Summe, dennoch sollten wir nicht in Angststarre verfallen.

Wir alle können und müssen kreativ sein, um uns auf die grüne Zukunft vorzubereiten. Sture Betonköpfe, die sich dem neuen Trend entgegenstellen, finden sich natürlich auch in unserer Stadt. So verweigert sich die Vergnügungsstätte Atomino beharrlich einer längst fälligen Umbenennung und in die oberen Etagen des entstehenden Chemnitzer Museums für Archäologie soll die Wismut- Kunstsammlung einziehen. Irritierte Bürger können dann die in Jahrzehnten  zusammengetragenen Auftragswerke zur Lobpreisung des Uranbergbaus in Sachsen und Thüringen betrachten.

Erschienen im 371 Stadtmagazin Heft 05/11
Foto: leicagirl / photocase.com

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