Letzte Frage

Letzte Frage: Oktober 2011

Herr Kummer gibt Antwort

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Lieber Herr Kummer, als langjährige Bewohnerin von Chemnitz denke ich oft an meine Kindheit im Südwesten Deutschlands zurück und frage mich:  Was ist nur aus den Gartenzwergen geworden? Ich habe schon ewig keine gesehen? Gibt es in Chemnitz zu wenige Gärten, Vorbehalte gegen Zwerge oder schlicht keine Fabrik mehr, die welche herstellt?

Der klassische Terrakotta-Gartenzwerg ist maximal 70 cm groß, hat eine Zipfelmütze, einen schönen Bart und ist männlich. Er ist meist Gärtnern oder Bergleuten nachempfunden. Die typischen Accessoires sind Laterne, Schubkarre, Schürze und Schaufel. Nach seriösen Schätzungen gibt es aktuell in deutschen Haushalten etwa 25 Millionen Gartenzwerge. Als der Papst dieser Tage durch die Hauptstadt gebummelt ist, hat er ganz sicher keine Zwerge gesehen, sondern viele unförmige, quietschbunte Plastikfiguren. Diese, den öffentlichen Raum verunzierenden Gebilde nennen sich Buddy-Bären. Das Goethe-Institut und sogar der Generalsekretär der Vereinten Nationen lobten diese Machwerke und unser ehemaliger Außenminister Frank-Walter Steinmeier bezeichnete sie als „Botschafter Berlins und eines weltoffenen Deutschlands“. Klar, dass es in Berlin keinen Platz mehr für Gartenzwerge gibt. Chemnitz ist aber bislang von der Buddy-Bären Plage verschont geblieben. Da stellt sich natürlich die berechtigte Frage: Wieso sieht man hierzulande keine Gartenzwerge mehr? Chemnitz ist bekannt als naturnahe Stadt, Platz gäbe es hier genug, aber vielleicht wurden die fragilen Terrakotta-Figuren durch eine veränderte Nutzung von Vor- und Kleingärten verdrängt. Wo früher ordentliche Bürger mit guten Manieren ehrfürchtig die Zwergenwelten betrachteten, toben jetzt verzogene Kleinkinder, Radfahrer und riesige Hunde über die Rasenflächen. Außerdem wurden die Gartenzwerge als Inbegriff des Spießbürgertums, als Zeichen des schlechten Geschmacks verfolgt, mit einem Tiefpunkt des Ansehens Ende der 1960er Jahre. Eine weitere Gefahr für die Figuren entstand vor 10 Jahren durch die „Front zur Befreiung der Gartenzwerge“, deren Anhänger die Zwerge aus Vorgärten „befreiten“ und oft in ihrem „natürlichen Lebensraum“, den Wäldern aussetzten. Die verunsicherten Besitzer von Gartenzwergen verstecken derzeit offensichtlich ihre Lieblinge hinter hohen Hecken, in Kellern und Vitrinen.

Wer die Terrakotta-Wichtel in ihrer ganzen Pracht und Vielfalt sehen möchte, muss nach Thüringen reisen. Dort gibt es ein geschütztes Gebiet für über 2500 Figuren, den Zwergenpark Trusetal.  Reservate und Verstecke sind natürlich keine befriedigende Lösung. Gartenzwerge gehören in die Gärten einer modernen und toleranten Stadt wie Chemnitz. Bürger stellt eure 25 Millionen Lieblinge wieder in die Öffentlichkeit!

Eine gefährliche Gruppierung, die FDP, wurde bekanntlich bei den letzten Wahlen auf Zwergenniveau geschrumpft. Wir müssen jetzt aufpassen, dass diese unberechenbare Splitterpartei in ihrer panischen Suche nach populären Betätigungsfeldern sich nicht der Gartenwichtelproblematik  annimmt.Was aus den FDP Themen „mehr Netto vom Brutto“ und „geordnete Insolvenz“ wurde konnte jeder verfolgen und vor diesem grausamen Schicksal sollten die Gartenzwerge bewahrt werden.

Erschienen im 371 Stadtmagazin Heft 10/11
Foto: grip / photocase.com

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