Letzte Frage

Letzte Frage im Juni

Herr Kummer weiß Antwort

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Chemnitz beschließt ein Alkoholverbot in Teilen der Innenstadt. Herr Kummer erkennt darin eine Methode, die Chemnitz zum weltstädtischen Trendsetter machen könnte.

Lieber Herr Kummer, zwischen Stadthallenpark, REWE-Markt und dem Saxonia-Brunnen darf ab sofort kein Alkohol mehr getrunken werden. Aber gehören Trinker, Prolls und Problembürger nicht auch zu so einer richtig modernen, urbanen und hippen Innenstadt, wie sie Chemnitz so gern haben möchte?

Guten Morgen, lieber Leserbriefschreiber.
Schon ausgeschlafen? Die Zeiten sind vorbei, als sich die fortschrittlichsten Bewohner einer Metropole mit Bärten, Jutebeuteln, Kastenbrillen und einem Szenebier in der Hand in den Innenstädten zeigten. Leben und leben lassen ist mega out. Moderne Jugendliche tragen jetzt Textilien aus Einkaufszentren und Billig-Märkten. Sie sehen aus wie BWL Studenten und deren Kumpels - wie Menschen also, bis zu denen es sich nie herumgesprochen hatte, dass es Mode, Fashion-Codes und Dazugehörigkeitssignale gibt. „Normcore“ nennt sich dieser, von New York ausgehende Nicht-Stil-Stil. Der städtische Hipster will neuerdings normal, spießig und ordnungsliebend sein.

Unser Ordnungsbürgermeister und Trendsetter Miko Runkel hat mit seiner feinen Nase diese Stimmung schon vor einiger Zeit gewittert. Das coole Fahrradfahrverbot in der Innenstadt war seiner Zeit sicher zu weit voraus. Im Jahr 2010 wurde es eingeführt und nach heftigen Protesten schon bald wieder gekippt. Die Bürger waren noch nicht bereit für diese nur scheinbar rückwärtsgewandte Idee. Normcore Aktivist Runkel lässt sich von solchen Rückschlägen aber nicht beeindrucken. Alkoholverbot in der Innenstadt nennt sich das neue Projekt des Ordnungsamts. Zehn Mitarbeiter des Stadtordnungsdienst werden den heroischen Kampf gegen die Problembürger und deren Hobbys aufnehmen. Eine kleine städtische Streitmacht gegen ein Heer von Kampftrinkern und Aggroprolls, man denkt unwillkürlich an die Schlacht bei den Thermopylen im Jahre 480 v. Chr.. Wie wird diese Auseinandersetzung ausgehen? Wie im Hollywoodfilm „300“? Wir wissen es nicht. Wir wissen auch nicht, was die Problembürger im Falle einer Niederlage zu tun gedenken. Werden sie das Trinken und Rumlungern reumütig aufgeben? Werden sie in eine andere Stadt ziehen oder ihre Aktivitäten z.B. in den Zeisigwald verlegen?

Einem echten Normcore ist das egal. Schwierigkeiten drohen eher von der juristischen Front. Immerhin wurde 2012 das Alkoholverbot in der Erfurter Innenstadt vom  Thüringer Oberverwaltungsgericht für unwirksam erklärt. Ein Problembürger hatte erfolgreich gegen das Verbot geklagt. Der Mann begründete seinen Einspruch damit, dass er arbeitslos sei, sich einen Aufenthalt in Kneipen nicht leisten könnte. Auch in der Freiburger Innenstadt darf auf öffentlichen Plätzen und im Freien wieder  getrunken werden. Ein Jura Student klagte gegen das dortige Alkoholverbot, auch Randgruppentrinkparagraf genannt. Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg hatte die 2009 erlassene Maßnahme für unwirksam erklärt und Richter Weingärtner gab der Stadt Freiburg gleich noch ein anschauliches Beispiel mit auf den Weg: "Für einen See wird auch kein Badeverbot erlassen, weil Nichtschwimmer darin ertrunken sind." Jetzt wird es sich erweisen ob die sächsische Justiz trendy ist und unserer Ordnungsbehörde keine Knüppel zwischen die Beine wirft. Und welche Beweggründe hat unsere Oberbürgermeisterin bei der öffentlichen Unterstützung des Alkoholverbots? Ist auch sie ein Trendscout, eine Normcoristin? Hier spielen sicher alte SPD Traditionen eine Rolle. Der Leipziger Parteitag der Sozialdemokraten verkündete 1909:  „Wer Schnaps trinkt, zahlt freiwillig Steuern, füllt Junkersäckel, ruiniert seinen Körper, zerstört seine Familie, verblödet seine Nachkommen, hilft Irrenhäuser füllen – Ein organisierter Arbeiter trinkt keinen Tropfen Schnaps !„

Foto: Bobby M  / pixelio.de

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