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Keine Party ist die neue Party!

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Chemnitzer und Chemnitzerinnen, setzt die Partyhüte auf und streift euch Knick-Licht-Armbänder um die Handgelenke – Chemnitz feiert seinen 875. Geburtstag! Ich stelle mir die einjährige Sause so vor: Aus jedem öffentlichen Brunnen plätschert Freibier und die CVAG nimmt die Bürger unserer Stadt für lau in den, zum Turn-Up-Train umfunktionierten, Straßenbahnen mit. Ich habe mich mit Susan Endler von der CWE unterhalten, sie ist die Projektleiterin der 875-Jahr-Feier.

1965 wurde der 800. Geburtstag von Karl-Marx-Stadt gefeiert. Dann sind es dieses Jahr nicht 875 Jahre. Haben Sie sich verrechnet?
Nein, es gibt verschiedene Bezugspunkte, ab denen man Stadtgeschichte rechnen kann. Das, was wir jetzt feiern, ist die urkundliche Ersterwähnung, die Verleihung des Marktprivilegs im Jahr 1143. Das ist die Basis für den Geburtstag. Man macht Stadtgeschichte teilweise auch an anderen Dingen fest, aber in der Neuzeit wird hauptsächlich die erste Urkunde, die es gibt, akzeptiert.

Zur Zeit der DDR führte man die Stadtentstehung auf den Aufenthalt von Kaiser Barbarossa in Altenburg um 1165 zurück. Wenn ich das nächste Mal ins Kino gehe, dann gebe ich mich an der Kasse als ermäßigungsberechtigte Minderjährige aus und beziehe mich dabei auf meine erste urkundliche Erwähnung als Journalistin im 371.

Die Chemnitzer Bürger waren in das Projekt integriert, sie durften Ideen einreichen. War die Teilnahme rege, reichen die Vorschläge,  um mit ihnen ein Jahr zu füllen?
Wir haben ein Konzept entwickelt, in dem wir als Zielstellung formuliert haben, dass es ungefähr ein Projekt pro Woche geben sollte.
Von etwas 400 Ideen und Projektvorschlägen, die bei uns eingegangen sind, standen etwa hinter 160 auch konkrete Akteure aus der Stadt. Diese Rückmeldungen sind weit mehr, als wir uns zum Ziel gesetzt haben. Hinter den Projekten muss jeweils ein Träger, ein Verein, eine Institution oder ein Bürger der Stadt stehen, der oder die die Ideen umsetzen. Momentan sind es etwas mehr als 70 Projekte, die wir unterstützen. Dahinter stehen um die 100 Veranstaltungen.

Macht das jetzt noch Sinn eine Projektidee einzureichen?
Ja. Wir rufen jetzt nicht mehr aktiv dazu auf, weil ein guter Grundstock da ist. Aber wir werden uns nicht verschließen, wenn noch ein unterstützenswertes Projekt kommt.

Wie läuft das, wenn man eine gute Projektidee hat, wo muss ich die einreichen? Was muss ich beachten?
Am einfachsten geht das per Mail an 875@cwe-chemnitz.de, oder per Telefon 0371/3660-201 über Frau Schaub. Es gibt jedoch auch einen Projektraum im Tietz, den man besuchen kann. Wir besprechen die Projekte in der Programmkommission und bewerten sie hinsichtlich verschiedener Kriterien: Hat das mit Stadtgeschichte zu tun? Bringt es Vernetzung mit sich? Sind die Bürger beteiligt? Gibt es Anknüpfungspunkte oder ist es etwas in sich Geschlossenes?

Irgendwie merke ich gerade, dass der vielleicht optimale Zeitpunkt gekommen ist um ein Projekt einzureichen, das mir schon seit Jahren im Kopf herumspukt: Im Rahmen der Feierlichkeiten sollte der Gründerzeit-Schandfleck Kaßberg abgerissen werden und ein schönes, effizientes Neubaugebiet errichtet werden – in dem die Mieten moderat sind.

Können Sie beispielhaft zwei, drei Projekte nennen, die Sie am Spannendsten finden?
Wir haben ein großes Event als Auftakts-Veranstaltung, das hat so noch nie stattgefunden: „Chemnitz singt!“. Dahinter verbirgt sich ein Chorprojekt, bei dem 1500 Sänger auf der Bühne stehen werden. Man muss im Vorfeld auch nicht in einem Chor aktiv gewesen sein, sondern konnte in der Vorbereitungsphase und kann jetzt noch in den Projektchor einsteigen, um Teil dieser Veranstaltung zu sein, um gemeinsam zu singen. Die Eröffnungsveranstaltung wird am 21. Januar 2018 um 15 Uhr in der Messe Chemnitz stattfinden.

Das Chor-Event heißt „Chemnitz singt!“ und setzt auf ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Knapp 40 Chöre jeder Altersgruppe, aus den verschiedensten Ecken in Sachsen und Partnerstädten, singen zusammen, damit sind es über 1500 Beteiligte. Zu allem Überfluss ist das Publikum eingeladen, um mitzusingen. Arghh! Mir stellt sich die Frage, ob ich Städte überhaupt singen hören will, mir reichen eigentlich schon die Fischer-Massenchöre oder der CFC-Gesang, der manchmal nachts an der Zentralhaltestelle zu hören ist.  

Dann gibt es ganz vielfältige Themen: viele Ideen verschiedener Institutionen und Vereine wollten sich mit dem Thema Kloster und Stadtgründung auseinandersetzen. Wir haben die Ideen in einem Klostersommer zusammengefasst, sodass über die Sommermonate viele Veranstaltungen in und um das ehemalige Kloster stattfinden.
Dann haben wir vom Bürgerverein für Chemnitz ein Projekt laufen, in dem es in einem Wettbewerb um Lieblingsplätze in der Stadt geht, die man einreichen kann und die später prämiert werden.

Inwiefern ist die Veranstaltung ein Warm-Up für die Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025?
Es ist das erste Mal, dass wir für ein Jahr zu aktiver Beteiligung aufrufen. Es geht darum, sich zu vernetzen, Themen aus der Bürgerschaft und aus den Vereinen zuzulassen und nicht Top-Down eine Veranstaltung zu organisieren. Das heißt, es wird nicht nur ein Feuerwerk abgefackelt und gut ist. Wir schauen: Was macht denn die Stadt aus, wofür steht die Stadt? Wir wollen verschiedene Strukturen schaffen, die nicht nur in einem Zentrum stattfinden, sondern die umliegenden Stadtgebiete mit einbeziehen. Von daher wird das schon ein Warm-Up sein. Es ist auch einfach ein Lernprozess. Man lernt, viele Dinge zusammenzubringen und das ist durchaus hilfreich.

Dieser Geburtstag ist ein Event von Chemnitzern für Chemnitzer. Ist der Schwerpunkt dann bei der Kulturhauptstadtbewerbung ähnlich? Oder hofft man auf Impulse von außen?
Eine Kulturhauptstadtbewerbung muss – wie dieses Jubiläum schlussendlich auch - von den Bürgern ausgehen. Wenn man dann einmal im Rampenlicht steht, europäisch adressieren kann und von anderen europäischen Städten wahrgenommen wird, entsteht daraus natürlich ein Gästeeffekt, den man dann auch aktiv nutzt.  Es geht ganz stark um den Entwicklungsprozess der eigenen Stadt. Klar hat eine Kulturhauptstadt immer die Intention Gäste in die Stadt zu holen. Aber in erster Linie geht es darum: Wofür steht die Stadt? Wie kann man das stärken? Wie kann man Identität stärken und wie kann man so einen Prozess über die Jahre hinweg weiterentwickeln? Ausgangspunkt ist also die Stadt und mit guten Projekten kann man anders adressieren, weil man eine positive Aufmerksamkeit – sowohl innerhalb der Stadt, als auch auf internationaler Ebene - bekommt.

Mittels der Geburtstagsprojekte sollen Chemnitzer aller Lebens- und Arbeitsbereiche vernetzt werden. Ist das momentan ein Problem in Chemnitz, dass sich die kulturellen Akteure zu wenig untereinander austauschen?
Das ist schon etwas, was wir mit den Projekten forcieren wollen. Ich glaube, man kennt sich ganz gut in den kleinen Läden und man kennt sich gut zwischen den großen Häusern. Aber zwischen Sub- und Hochkultur Schnittstellen zu schaffen, da gibt es Potential in der Stadt. Durch so ein Jubiläumsjahr kann derartiges vorangetrieben werden und in den Prozess der Kulturhauptstadt wieder einfließen. Dabei geht es auch darum, Kultur möglichst breit zu denken.

Chemnitz definiert sich über Arbeit und Fleiß, verkraftet das die Stadt, wenn ein Jahr gefeiert wird? Wie muss man sich die einjährige Feier denn vorstellen?
Das Schöne ist ja, dass das Feiern kein reines Feiern im Sinne von Feuerwerk, Festumzug und Konzert ist, sondern eher thematisches Feiern bedeutet. Man hat eher einen Anker in den Projekten, die sich mit der Stadt und deren Geschichte auseinandersetzen und vernetzende Elemente mit sich bringen. Die fünf Themengebiete Liebe, Form, Fortschritt, Höchstleistung und Herausforderung, die sich über verschiedene Stadtteile erstrecken, sollen dabei eine Inspiration sein, sich mit Stadtgeschichte eben einmal „anders als üblich“ auseinanderzusetzen. Wir hoffen, dass viele Menschen so ganz einfach etwas mehr über ihre Stadt lernen im Jubiläumsjahr.

Gut, da ist diese Geburtstags-Veranstaltung eben eine, bei der man auch etwas lernen kann – ich werde meine Seifenblasenpistole und den Müllsack voller Konfetti trotzdem mit zum Klostersommer nehmen und im richtigen Moment loslegen.

Interview: Nina Kummer Foto: CWE



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