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Im Kleingärtnermikrokosmos

Jenseits von Beeten

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Die Begehungen, dass ist das Festival mit Bildern an bröckelnden Wänden, Installationen an Lost Places, Tanz auf bemoosten Stufen. Und dann: Alles anders in diesem Jahr! Mitten in einer der größten Schrebergartenkolonien der Stadt suchen die Begehungen vom 16. bis 19. August nach einem Platz "Jenseits von Beeten". Zwischen brusthohen Hecken und gestutzten Rasen, zwischen Rankhilfe und Laube.

Der Kleingartenverein "Vereinte Kraft" in Gablenz stellte den Begehungen 16 seiner wenigen brach liegenden Parzellen zur Verfügung und eröffnet den Künstlern dieses Jahres damit einen Ort, der in sich schon wie eine tiefgründige Installation wirkt: Steht man im engen Wegelabyrinth, da breitet sich aus, woran sich Mensch und Menschsein reiben. Plattenbauten am Hang auf der einen Seite, Industrieruinen am Hang auf der anderen, dazwischen domestizierte Natur, geregelte Ruhe, Individuen, die alle das Gleiche tun. Erholen und dabei Arbeiten. Draußen sein, aber auch wieder nicht auf einem eigenen Fleckchen Erde, das nicht ihnen gehört.

Hier werden sich die eingeladenen Künstler vielleicht mit Themen der Gesellschaft oder der Natur beschäftigen, vielleicht aber auch mit sich selbst, denn ein bisschen drängt einen dieser Ort auch in das eigene Innere zurück. Zum Glück muss man als Besucher nicht allein auf verschlungenen Pfaden wandern. Und man trifft sich wieder. Die Basis des diesjährigen Festivals bildet das Vereinsheim, das seinen Gaststättenbetrieb längst eingestellt hat und heute nur noch für Feiern und Veranstaltungen vermietet wird. Zu den Begehungen gibt es da Kaffee, einen "Kindergarten", Gesang und Musik. Die Begehungen bleiben natürlich auch weiter eintrittfrei, familienfreundlich und inklusiv. Es gibt ein Rahmenprogramm mit Führungen, Livemusik, Workshops und in diesem Jahr: mehr Grün als je zuvor. Flirrende Luft über dem Sommerbeet. Die Begehungen Nummer 15 also.

Sinn für Kunstrasen
Aus 208 Bewerbungen aus 38 Ländern wählte die Begehungen-Jury insgesamt 23 Künstler*innen aus. In diesem Jahr stammen sie vorrangig aus Deutschland, was wohl auch mit dem sehr landestypischen Sujet der Begehungen 2018 zusammenhängt. Denn Schrebergärten sind über die Landesgrenzen kaum verbreitet. Fast eine Million Kleingärtner gibt es in Deutschland, ähnliche hohe Zahlen erreicht nur Polen. Schon in Österreich sind es nur noch knapp 40.000.

Fünf Artists in Residence, zwei Teilresidenzen und zwei Chemnitz-Projekte werden ihre Konzepte und Ideen in den verwilderten, freistehenden Gärten der „Vereinten Kraft“ umsetzen. Eine der Residenzkünstlerinnen ist Claudia Hajek, die in Posdam lebt und arbeitet. In ihren Installationen beschäftigt sie sich mit dem der Natur, wie sie sich der Mensch einrichtet, hat räumliche Strukturen, landschaftliche und geometrische Formen zum Thema. Mit ausgelegten Alublechen abstrahiert sie dabei die Realität und schafft mit Reflexionen neue Blickwinkel. Die Ausschreibung der Begehungen, sagt sie, habe sie sofort begeistert: Mit seinen Regeln macht der Mensch im Schrebergarten einen Plan und die Organismen da machen einfach etwas anderes.

Was die Organismen dabei umtreibt, dem gehen Julia Gutekunst und Moritz Hüper auf den Grund. Sie leben und arbeiten in Hildesheim und Berlin und erarbeiten in ihrer Residenz ein Gemüse-LARP. LARP steht für Live Action Role Playing und ist eher von Mittelalter- und Fantasytreffen bekannt. Es hat sich jedoch eine skandinavische Version davon - die Nordic LARPS - entwickelt, die sich oft künstlerisch und politisch mit ganz anderen Themen beschäftigen. In ihrem LARP wollen Hüper und Gutekunst ergründen, wie eine Weltordnung in der Welt der Gemüse aussähe. Steckt beispielsweise eine Hierarchie dahinter, dass die Tomate oft ein eigenes Haus erhält? Das LARP soll mit Teilnehmer*innen in Workshops entstehen. Anmelden können die sich per Mail an larp@pleu.eu.

In weiteren Residenzgärten warten Installationen, Video- und Objektarbeiten darauf, entdeckt zu werden. Das mit dem Entdecken ist übrigens wörtlich zu verstehen. Zwar sollen Erkennungshilfen die Gärten leichter auffindbar machen, aber im Wegelabyrinth der Vereinten Kraft werden Begehungenbesucher um einen Blick auf den Lageplan nicht herum kommen.

Gefunden werden wollen da auch die werden Werke von 13 weiteren Künstler*innen. Die bringen einen starken regionalen Bezug mit, da acht von ihnen aus Sachsen kommen. Dazu kommt Kunst aus Hamburg, Berlin und Weimar aber auch Internationales aus Österreich, Frankreich, Israel und Armenien. Darunter Soundinstallationen, Film, Malerei, Installationen, Perfomance, Fotografie und Literatur.

Und apropos Literatur. Hier gibt es eine Premiere: Es wird in diesem Jahr erstmals eine explizite Literaturresidenz geben. Zwar waren die Begehungen schon immer für alle Kunstformen offen, aber reine Literaten fanden sich unter den Bewerbern bislang nicht. Deswegen wagten die Macher in diesem Jahr einen Versuch und schrieben eine Literaturresidenz aus. Ausgewählt wurde letztlich die Autorin Ronya Othmann, Studentin am Leipziger Literaturinstitut, schreibt unter anderem Lyrik, Prosa, Szenisches und Journalistisches, ist unter anderem Preisträgerin beim Treffen Junger Autoren 2013 und des MDR-Literaturpreises 2015. Was sie unter den Eindrücken der Chemnitzer Kleingärtner zu Papier(?) bringt, wird sie am Abschlusssonntag enthüllen.

Um die ganze Ausstellung zu erfassen, kann im Übrigen eine der Führungen helfen. Die finden Freitag (15 bis 20 Uhr), Samstag und Sonntag (12 bis 20 Uhr) regelmäßig auch in englischer Sprache statt und Samstag und Sonntag auch in deutscher Gebärdensprache.

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