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Der Prozess

Kulturhauptstadt-Bewerbung hakt

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Kulturhauptstadt-Bewerbung hakt

Auf der Startseite von www.chemnitz2025.de prangt seit einigen Wochen ein Banner, das aussieht, als wäre es Anfang der Nullerjahre der sehr bemühten Powerpoint-Präsentation eines Neuntklässlers entsprungen. Auf batikblauem Hintergrund steht pixelig wie Teenie-Akne das Motto für die Kulturhauptstadt-Bewerbung: „AUFbrüche. Creating Spaces. Opening Minds“. Wenn man drauf klickt, bekommt man alles erklärt: Warum und wohin Chemnitz aufbricht, was es mit Räumen auf sich hat und welche Rolle das ewige Leid von der historisch stark strapazierten Chemnitzer Identität dabei spielt. Nicht aber erklärt wird, warum man ausgerechnet „AUFbrüche" schreibt wie ein Wutbürger, der in der Kommentarspalte von Facebook MAUSgerutscht ist.

Seitdem der Chemnitzer Bevölkerung Anfang Juli das Motto vorgesetzt wurde, das so alternativlos ist wie Jogi Löw als Bundestrainer, befindet sich die Stadt quasi in Aufruhr, also verhältnismäßig: Das Motto klingt wie eine zufällige Aneinanderreihung leerer Marketingphrasen und ist in etwa so beliebig wie die Läden in der Galerie Roter Turm. Doch das ist nicht das Problem. Das Motto gefällt zwar vielen nicht, anderen ist es gänzlich bockwurscht, und vielleicht haben sie damit Recht, denn das Motto wird am Ende völlig egal sein — oder weiß irgendjemand noch, womit sich Wrocław, Aarhus oder Pilsen damals beworben haben? Das Problem ist, wie das Motto zustande kam: Nämlich scheinbar irgendwie und für niemanden nachvollziehbar. Das Problem ist der Prozess. Dabei wurden den Bürgern bei Prozessbeginn Partizipation und Transparenz versprochen — mittlerweile ist der Bewerbungsprozess für Außenstehende jedoch ein größeres Mysterium als die Frage, wohin sich eigentlich unser Universum ausdehnt.

Die Stadt lässt ihre Bürger durchaus abstimmen, aber eigentlich immer nur dann, wenn es um LED geht, um Brühllampen und Lulatschlichter zum Beispiel. Das sind dann quasi Bürgerbefragungen biblischen Ausmaßes — erst ward Licht und dann alles andere. Nun ist es zwar längst Licht geworden, doch an anderer Stelle will es nicht so recht weiter gehen. Dabei hätte es gerade bei Chemnitz2025 so einfach sein können: Man schlägt drei Motti vor, lässt die Bürger abstimmen, das geht übrigens ganz gut online und auch per Fax oder Brieftaube. Zack, fertig: Bürgerbeteiligung, zack, fertig: Licht ins Dunkel des Bewerbungsprozesses gebracht.

Jetzt regt sich jedenfalls spürbar Widerstand im Untergrund: Dem Bürger scheint’s egal, aber die Subkultur ist sauer. Nicht nur, weil das Motto komisch ist, sondern auch, weil man für viel Geld die Ostrale von Dresden holen will, obwohl man genug eigene talentierte Kunstfestivals hat — ein bisschen wie auf dem Fußballtransfermarkt.

Die Szene fühlt sich ausgeschlossen, die Szene fühlt sich ungehört und verdrängt, die Szene tritt aus dem Programmbeirat aus, von dem übrigens auch keiner weiß, was genau dort eigentlich passiert, die Szene will mitreden. Das ist natürlich berechtigt, denn Subkultur ist der lebenswichtige Nährboden für Ideen und Impulse, ist das, was eine Großstadt, wie sie Chemnitz immer sein will, zu genau einer solchen macht. Die Subkultur muss aber auch aufpassen, dass sie sich dabei nicht in Befindlichkeiten und gekränkter Eitelkeit verliert. Die dornröschenhaft (okay, manche sagen auch Aschenputtel zu Chemnitz) verschlafene Stadtverwaltung wird wohl kaum den ersten Schritt wagen. Da muss die freie Szene schon selbst zur Tat schreiten, und einfach mal MACHEN! Das ist übrigens das Motto vom gefühlt härtesten Konkurrent im Kulturhauptstadtrennen, und zwar Magdeburg —das ist jetzt zwar nicht unbedingt aussagekräftiger, definitiv aber aktiver.

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