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Chemnitz braucht mehr Leerstand!

Nur so'n Gedanke Teil 2

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Chemnitz 2025: Die Stadt ist Kulturhauptstadt Europas. Auf dem Weg dorthin hat sie sich in eine coole, bunte, lebens- und liebenswerte Metropole verwandelt. 371 will da nicht abseits stehen und postet von nun ab jeden Monat eine steile These, die uns diesem Ziel näher bringt. These 2: Chemnitz braucht mehr Leerstand!

Als Chemnitz mal Morgenstadt war (vor langer Zeit man schrieb das Jahr 2016), da hieß es, die Gestaltungsräume seien ein ganz dickes Plus. So viel Platz für Ideen. Jetzt ist Chemnitz Kulturhaupstadtbewerbungskandidat und wieder heißt es im Konzept "Chemnitz bietet jenen Raum, in dem Träume wahr werden können." Das Bild hat sich wohl seit den 90ern verfestigt. Diese Vorstellung vom wilden Chemnitz, wo man nur die nächstbeste Industriebrache betreten muss, um sich selbst zu verwirklichen. Wo Altbauten in allen Gassen ein neues Wohnprojekt versprechen. Wo Keller, Hallen und Hinterhäuser drauf warten, sich in Clubs, Ateliers, Probenräume, Werkstätten und Galerien zu verwandeln.

Jetzt schauen wir aber alle mal in unseren Kalender, da schreiben wir nicht mehr das Jahr 2008 und dann schauen wir uns alle mal in Chemnitz um und sagen ein tränenfeuchtes "Warschönmitdir" und verabschieden uns von der romantischen Idee einer Stadt als Lostplacesspielwiese mit sympathischem Loserimage. Denn dieses Chemnitz gibt es nicht mehr. Da könnt ihr noch so feste die Äuglein reiben, das ist kein Sand, der euch den Blick zum Backsteinbackstage eurer Träume trübt, es sind der Staub der Abrissbirnen und die Undurchsichtigkeit frisch eingezogener Rigipsplatten.

Die These „es wird langsam knapp“ sei schon lang überholt, sagt Markus Goretzky, Vorstand im Chemnitzer Bandbüro. Das Musikkombinat hat eine Warteliste für Probenräume mit derzeit 20 bis 30 registrierten Interessenten. Das seien aber nur die, die sich haben einschreiben lassen. Früher konnte man sie noch weiterschicken, nahe der Autobahn hinterm Zollgelände gab es Räume. Inzwischen belegt. Das alte Probenhaus an der Theaterstraße ist jetzt ein Spekulationsobjekt, was es schwer mache, einen Besitzer zu kontaktieren.

Bei der Agentur Stadtwohnen, die unter anderem Altbauten an interessierte Wohnprojekte vermittelt, können letztere derzeit leider nicht viel hoffen. Es gebe aktuell zwei Immobilien in Vermittlung, sagt Sabine Hausmann von Stadtwohnen. Man könne verschiedenen Wohnprojekten schon seit einem Jahr nicht weiterhelfen. Einerseits sei der Markt leer oder dezimiert, andererseits die verbliebenen Objekte oft sehr teuer oder müssten zu umfangreich saniert werden. Hier könnte höchstens noch einmal etwas frei werden, wenn Eigentümer, die gerade selbst noch eine Sanierung planen, es sich anders überlegen. Seit April ist auch das Leipziger Dienstleistungskombinat MIR in Chemnitz mit Veranstaltungen und Beratung aktiv. Kombinatsmiglied Roman Grabolle sieht die Lage noch optimistisch. Man könne sicher nicht in einem Projekt die Situation von vor vier Jahren herstellen, aber sich jetzt für die nächsten 20 Jahre selbstbestimmtes, unkündbares Wohnen sichern. Das sei kein Selbstläufer und brauche vielleicht zwei bis drei Anläufe, lohnt sich aber immer. Er denkt da nicht nur ans klassische Projekt, das sich einen Altbau sucht, sondern auch an Mietergemeinschaften, die einfach das Haus kaufen, in dem sie wohnen. Bei einem Vortrag im Oktober fanden sich bereits zwei Gruppen mit diesem Vorhaben.

Der Begehungen e.V., müsste man meinen, ist Fachverein für das Finden von Freiraum, aber auch hier tut man sich schwer: Der Verein suche seit zwei Jahren einen neuen Lagerraum, erklärt Mitglied Frank Weinhold. Der alte Raum sei mittlerweile viel zu klein, da stapeln sich die Dinge bis unter die Decke. Trocken, sicher, möglichst ebenerdig und sehr günstig muss er sein.  Bislang ist man aber nicht fündig geworden.

Lagerraum sucht auch der Chemnitzer Künstler Jan Mixsa, der als Theaterregisseur und Figurenspieler Requisiten und Kulissen hortet. In den letzten Jahren schrumpfte sein Bestand mit den Flächen, die er bei zahlreichen Umzügen verlor. Weil er zuletzt in Chemnitz und Umgebung nichts passendes fand, fährt er zum Be- und Entladen nun nach Rochlitz, wo er sich zusammen mit einem befreundeten Chemnitzer Museums- und Messebauer ein ehemaliges Autohaus teilt. Keine ideale Lösung wie beide finden, ihre Suche in Chemnitz geht also weiter.

Das KRACH-Programm der Stadt ist eine gute Idee. Nicht nur, weil dabei ungenutzter Raum mit nützlichen Kreativen zusammengebracht wird, sondern weil manch gute Idee gar nicht erst entsteht, wenn kein Raum da ist, sie zu denken. KRACH hat hier als städtisches Programm sicher eine bessere Stellung als ein einzelner Raumsucher. Noch sei genügend Raum verfügbar, erklärt KRACHmacher Robert Verch, gibt aber auch zu, dass viele Räume gar nicht mehr marktaktiv, also trocken, sicher, warm seien. Das sei der Nachteil von Leerstand. Für eine Nach- oder Zwischennutzung müsse man erstmal eine Nutzung haben, denn Leerstand führt auch schnell zum Verfall, der wieder teure Sanierung nötig macht.

Es war vielleicht ein kleines Fenster in der Chemnitzer Geschichte, als Nutzung zu Leerstand zu Nachnutzung führte. Relativ gesehen, geht hier räumlich sicherlich noch viel im Vergleich zu Berlin, Dresden oder Leipzig. Relativ gesehen geht hier aber schon gar nicht mehr allzu viel im Vergleich zum Chemnitz von vor zehn Jahren.

Vielleicht sollte die Stadt deshalb bei allem Chancensehen auch ehrlich zu sich selbst sein und sagen: Willkommen im Jahr 2018, hier eröffnet bald ein Loft. Und statt den vielen Freiraum zu loben, den man gar nicht mehr hat, überlegen, wie man auch künftig jenen Raum sicherstellen kann, den kreatives Leben braucht, wenn es noch ganz am Anfang ist.

Text: Michael Chlebusch

„Nur so´n Gedanke“ ist als offene Artikelreihe angelegt. Jede/r ist eingeladen, Ideen vorzustellen. Einfach Idee oder gleich einen kompletten Text an redaktion@371stadtmagazin.de schicken.

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