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Ein Blick in die Kristalltüte

Chemnitz und das Crystalproblem

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Es war der meistgelesene Facebookpost in der Historie der 371-Social-Media-Präsenz: Als wir Anfang März das Ergebnis einer Studie zu Drogenrückständen im Abwasser europäischer Städte teilten, sahen knapp 40.000 Personen: Chemnitz ist traurige Nummer Eins in der Kategorie Methamphetamin. Ein Fakt, der schnell geteilt und in Schlagzeilen gefasst ist. Doch bringt die Studie beim genaueren Blick auf die Daten interessante Details zu Tage.

Dem Post zugrunde lag eine Veröffentlichung der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht. Seit 2011 untersucht man da das Abwasser europäischer Städte, um Tagesdaten von Drogenrückständen zu gewinnen. Chemnitz nahm im Jahr 2017 zum ersten Mal teil und konnte gleich den Spitzenplatz bei Meth ergattern: Im Schnitt rund 241 mg je 1000 Einwohner fanden die Forscher täglich. Auf den Top-Positionen außerdem Erfurt (211), Budweis (200), Brünn (186) und Dresden (180). Bratislava, das im Jahr 2016 mit dem dreifachen Wert dabei war, konnte in 2017 auf Platz 6 (mit 149 mg pro 1000 EW) zurückfallen. Dann kommt eine große Lücke in der Wertetabelle, die im Wesentlichen eine Teilung zwischen Städten innerhalb und außerhalb des ehemaligen Ostblocks markiert. Man könnte das die Koks-Crystal-Linie nennen, denn da wo die eine Droge dominiert, ist der Konsum der anderen gering.

Und noch eine Auffälligkeit. Während die Rückstände für MDMA und Kokain besonders zum Wochenende hin ansteigen, ist Meth gleichbleibend oder (in Chemnitz) mit einem Peak zur Wochenmitte nachweisbar. Der Verdacht liegt nahe, dass Meth vielmehr Alltags- als Partydroge ist. Nach Auskunft der Stadtpressestelle wurden zur Erhebung 24-h-Mischproben über dreimal sieben Tage aus dem Zulauf der Kläranlage in den Monaten Juni, August/September und November entnommen – also insgesamt 21 Proben. Auch wenn Suchtberaterin Kerstin Knorr in der Morgenpost darauf hinweist: „Bei Gefahr landen ganze Tütchen in der Toilette. Das erhöht den Wert im Abwasser", ist nicht davon auszugehen, dass die Werte über alle Messungen hinweg maßgeblich falsch sind oder Gleiches nicht auch andernorts passiert. Letztlich ist es der Vergleich der EU-Städte, in dem Chemnitz besonders schlecht abschneidet, nicht nur eine Zahl auf dem Messgerät. Auch ist wahrscheinlich, dass ein Tütchen, das eilig ins Klo geworfen wurde, nicht eins ist, das ausversehen irgendwo auftauchte und dann nie wieder gekauft wird.

Die Folgen der Zahlen
Für Medien und Politik war die Studie keine Randnotiz. „Crystal-Hochburg Chemnitz" hieß es in der Morgenpost, wo überlastete Suchtberatungsstellen zu Wort kamen. Der Bild erschien die „Teufelsdroge im ehemaligen Karl-Marx-Stadt“ – äh, ja. Freie Presse, BLICK und der MDR berichteten. „Sachsens Volksdroge“ nennt es die Zeit Mitte März. Und schon Beginn des Jahres geisterte die „Crystal-Hochburg Sachsen“ durch BR, Focus und SZ. Eine Anfrage der Grünen im sächsischen Landtag ergab, dass im Jahr 2016 allein in Chemnitz 292 Hilfesuchende bei Suchtberatungen vorstellig wurden.

Die jüngst veröffentlichten Zahlen des sächsischen Innenministeriums, nach denen ein Anstieg im Bereich Drogenkriminalität in 2017 lediglich bei Cannabis stattfand, die Fallzahlen für Crystal jedoch stagnierten, beruhigen unter dieser Prämisse nur wenig. So bemängelte die Grünenfraktion unlängst, dass die sächsische Polizei auf dem Gebiet einfach zu schlecht ausgestattet sei – es gebe nur drei mobile Analysegeräte zur Chemikalienidentifizierung. Dazu gab das Innenministerium bereits bei der Anfrage im Februar zu: „Die Zahl der bekannt gewordenen Fälle beschreibt das tatsächliche Ausmaß der Rauschgiftkriminalität deshalb auch nicht annähernd. Sie ist vielmehr Ausdruck der Kontrollintensität der Strafverfolgungsbehörden.“

Um die Polizeiarbeit auf dem Gebiet zu verbessern, gab das Sächsische Innenministerium im August 2017 die Konzeption einer Dunkelfeldstudie bei der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg in Auftrag. Noch im ersten Halbjahr dieses Jahres soll es losgehen und über zwölf Monate mit rund 250.000 Euro „die Verbesserung des Lagebildes u. a. durch die Konzentration der vorhandenen Informationen“ erfolgen. Das Ergebnis soll künftig „Prävention und Repression“ verbessern.

Der Stadt Chemnitz, die auch in 2018 wieder an der Abwasseruntersuchung teilnehmen will, kann das bestenfalls langfristig helfen. Immerhin zeigt sich im sächsischen Landtag ein Problembewusstsein, dass der Bund zuweilen vermissen lässt. Fast schon sedierend wirkt ein Satz, den die Presseabteilung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung zu ihrem Bericht 2017 veröffentlichte: „Während Indikatoren aus Strafverfolgung und Behandlung in den letzten Jahren auf eine steigende Bedeutung von Amphetamin und Methamphetamin hinweisen, zeichnet sich dieser Anstieg in den bundesweiten Erhebungen in der Allgemeinbevölkerung nicht ab.“ Übersetzt hieße das wohl: Die Droge reißt einen Kreis von Betroffenen zwar immer weiter rein, aber der Allgemeinheit geht's gut. Na dann.

Text: Michael Chlebusch

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