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Der Kunstraub

Chemnitz will Ostrale

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Chemnitz will Dresden das renommierte Kunstfestival Ostrale abluchsen. Cleverer Zug oder unlauterer Klau?

Chemnitz will Dresden das renommierte Kunstfestival Ostrale abluchsen. Cleverer Zug oder unlauterer Klau?

Um was geht es?
Ab 2019 soll die Ostrale in Chemnitz stattfinden. Das leakte Mitte Mai die Morgenpost. Nachdem die Katze aus dem Sack war, wurde das Thema nun eilig auf die Tagesordnung der Juni-Stadtratssitzung gesetzt.

Was ist die Ostrale?
Ein temporär angelegtes Festival für zeitgenössische Kunst, das von 2007 bis 2017 jedes Jahr in den alten Futterställen am Ostragehege stattfand. In diesem Jahr pausiert das Festival und will ab 2019 im Zwei-Jahres-Rhythmus als Biennale zurückkehren.

Wo liegt das Problem?
Der Veranstaltungsort muss saniert werden. Das steht schon lange fest. Schon jetzt muss die Festivalverwaltung samt Lagerflächen etc. ausziehen – weiß aber nicht wohin. Fakt ist, dass 2019 das Festival nicht in den angestammten Räumen stattfinden kann und dass diese mindestens bis 2024/25 saniert werden.

Warum kriegt Dresden keine Lösung hin?
Eigentlich gibt es einen Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2016, in dem Dresden sich zur Ostrale bekennt und den Verbleib im Ostragehege anstrebt. De facto ist aber nichts passiert, außer das Dresden der Ostrale verschiedene Objekte vorgeschlagen hat, keines erwies sich bisher als passend. Außerdem bemängelt Ostrale-Chefin Andrea Hilger immer wieder die ihrer Meinung nach ungenügende finanzielle Unterstützung seitens der Stadt. Zuletzt erhielt das Festival 82 000 Euro aus der kommunalen Kulturförderung, nach eigenen Angaben stellt das ca. ein Drittel der Basisfinanzierung dar. Jörg Polenz, Erfinder sowohl der Filmnächte am Elbufer als auch der auf dem Chemnitzer Theaterplatz, meint, dass Teile der Dresdner Kulturverwaltung schlicht die Bedeutung der Ostrale nicht erkennen. „Das ist eine Frage der Kompetenz“, sagt er gegenüber dem 371.

Ist die Ostrale wichtig?
Für den Dresdner Kulturkalender ist die Ostrale enorm wichtig. Inhaltlich weist sie weit über die Stadtgrenzen hinaus, als Ausstellung hat sie aber allenfalls regionale Bedeutung. Das sieht bisher auch die Kulturstiftung des Bundes so, die eine Förderung ablehnt, da eine „überregionale Aufmerksamkeit ...eher nicht zu erwarten sei“, so deren Sprecherin Friederike Tappe-Hornbostel im letzten Jahr gegenüber den Dresdner Neuesten Nachrichten. Zugespitzt kann man formulieren: Was die Begehungen für Chemnitz sind, ist die Ostrale für Dresden. Dennoch hält Kulturbetriebsleiter Ferenc Csàk die Ostrale für ein „herausragendes Projekt zur Förderung komplexer Ausdrucksformen zeitgenössischer Kunst“. Die Ostrale-Macher betonen ihren überregionalen Anspruch, verweisen aber auf die zu geringe finanzielle Unterstützung, um diesen wunschgemäß umzusetzen zu können. Immerhin kuratiert das Team um Andrea Hilger in diesem Jahr eine Ausstellung in der Europäischen Kulturhauptstadt Valletta. Solche Kunst-Auswärtsspiele setzt die Ostrale bereits seit einigen Jahren erfolgreich um.

Wo soll die Ostrale in Chemnitz stattfinden?
Das steht wohl noch nicht fest. Ernsthaft im Gespräch sollen die Wanderer-Werke an der Zwickauer Straße und das Spemafa-Gelände an der Lerchenstraße sein. In letzteren fand 2017 die IBUG statt. Ein Ostrale-Dienstwagen wurde zudem vor dem Spinnereimaschinenbau in Altchemnitz gesichtet...

Woher kommt das Geld?
Das ist wohl die heikelste Frage: Laut Morgenpost-Bericht gibt es eine Absichtserklärung, wonach der Ostrale jährlich 250.000 Euro zufließen sollen, fest versprochen für 10 Jahre. Das nennt man institutionelle Förderung, und zwar von 0 auf 100. Das ist ungewöhnlich, denn als Neuling in der Chemnitzer Kulturlandschaft muss man sich normalerweise erstmal über Jahre und Jahrzehnte beweisen, bevor man für eine solche feste Förderung in Betracht kommt. Das regt natürlich massiv den Unmut der hiesigen Akteure an. Man fühlt sich übergangen. Daniel Tändler vom Begehungen e.V. hätte sich gewünscht, „dass einfach mal jemand mit uns darüber redet. Sowohl von Stadt- als auch von Ostraleseite.“ Nach jetzigem Stand finden beide Festivals im nächsten Jahr zur gleichen Zeit statt. Da scheint in jedem Fall Gesprächsbedarf zu herrschen.

Clever oder Klau?
Eher clever. Dass Chemnitz überhaupt ins Gespräch kommt, liegt wesentlich an der Dresdner Schlafmützigkeit. Und wenn ein solches Angebot reinflattert, muss man ernsthaft drüber nachdenken. Unclever war zweifellos die Kommunikation dazu in Richtung der Chemnitzer Kulturmacher- und macherinnen. Wenn hier nicht nachgeholt wird, droht der Ostrale ein Alleinstellungsmerkmal im eher negativen Sinne.

Ostrale in Chemnitz?
Ein Kurzinterview mit Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Chemnitzer Kunstsammlungen.

Haben Sie die Ostrale in den zurückliegenden Jahren besucht?
Ich war vor einigen Jahren dort, nach dem Beginn meiner Tätigkeit am Museum der bildenden Künste Leipzig 2011. Mich hatte insbesondere das Gelände interessiert.

Wie bewerten Sie das Ansinnen der Ostrale nach Chemnitz zu ziehen?
Ich kenne die Motivation und genauen Hintergründe eines möglichen Umzugs nicht. Grundsätzlich denke ich aber, dass eine Biennale der Stadt Chemnitz und ihrer Kulturszene gut tun würde. Natürlich muss sich die Stadt Chemnitz die Arbeitsweise und Ausrichtung einer solchen Veranstaltung anschauen, bevor sie sich in die Pflicht nehmen lässt, schließlich sollte sich eine solche Kooperation langfristig und nachhaltig auf die kulturelle Entwicklung der Stadt und ihre Außenwahrnehmung auswirken. Es wäre eventuell hilfreich, sich mit verschiedenen Akteuren der Chemnitzer Kulturszene über diesen Prozess auszutauschen.

Im Interview mit dem 371 (Ausgabe Mai) betonten Sie Ihren Wunsch, die Kunstsammlungen gegenüber der Stadtgesellschaft stärker zu öffnen, auch z.B. durch sogenannte Off-Spaces, also die Bespielung von Räumen außerhalb der angestammten Museen. Steht die Ostrale diesem Ansinnen möglicherweise entgegen?
Warum sollte die Ostrale diesem Ansinnen entgegenstehen? Eine Kulturszene lebt von der Vielfalt, das heißt, die eher traditionellen Orte wie die Kunstmuseen können neben Kunstvereinen, Off-Spaces, aber auch Biennalen existieren und sich im besten Fall gegenseitig befruchten und stärken. Ich denke, dass grundsätzlich auch die Chemnitzer Kulturszene, auch die Off-Szene, davon profitieren kann.

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