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Der kommunale Fußballclub

Städtische Tochterfirmen managen CFC-Geschäft

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Während Fußball-Puristen anderswo schimpfen, dass Milliardäre ihre Clubs übernehmen, kann man in Chemnitz eine ganz andere Entwicklung bestaunen. Hier wird der Profifußball nach und nach kommunalisiert.

Während Fußball-Puristen anderswo schimpfen, dass Milliardäre ihre Clubs übernehmen und der Sport zum Investorenhobby mutiert, kann der CFC-Fan eine ganz andere Entwicklung bestaunen. In Chemnitz wird der Profifußball nach und nach kommunalisiert.

Angefangen hat alles damit, dass der Chemnitzer Stadtrat 2012 beschließt, dem hiesigen Fußball ein neues Stadion zu bauen. Nutznießer ist der Chemnitzer FC, der dafür sein eigenes Stadion abreißen lässt, natürlich nicht auf eigene Kosten, und der Kommune seinen Erbpachtvertrag für das Gelände abtritt. Ende 2016 erklärt der CFC ein Finanzloch von 1,2 Millionen Euro aus den vergangenen Spielzeiten sowie einen akut ungedeckten Bedarf von weiteren 1,5 Millionen Euro, um den laufenden Spielbetrieb bis zum Saisonende 2016/17 zu sichern. Überraschend schnell erklärt sich der Stadtrat bereit, dem Verein 1,26 Millionen Euro zu überweisen. Witzigerweise deklariert er es nicht als Geschenk, sondern offiziell als Vertragsänderung. Für die Auflösung des Erbpachtvertrags stünde dem Club diese Summe zu, der habe nur innerhalb der Neubaudiskussion auf diese verzichtet. Nun könne man ihm das aber nicht verwehren. Dazu muss man sich vergegenwärtigen, dass die Stadt dem CFC das Stadiongelände erst Anfang der 1990er-Jahre per Erbpacht überlassen hat. Während der letzten Jahrzehnte hat der CFC selbst die Erbpachtsumme nicht vollständig gezahlt, wie aus einer Stadtratsanfrage der CDU-Abgeordneten Almut Patt hervorgeht. Demnach wurden dem CFC allein zwischen 2005 und 2010 knapp 70.000 Euro Erbpacht erlassen.

Städtische Tochterfirmen managen CFC-Geschäft
Für die fehlenden 1,5 Millionen findet sich auch eine stadtinterne Lösung. Der Energieerzeuger Eins, an dem die Stadt mit 26 %  größter Einzeleigentümer ist, gewährt dem CFC ein Darlehen in dieser Höhe. Wobei, so ganz stimmt das nicht: Laut CFC-Vorstand „handelt es sich bei dem Vertrag nicht um einen Kredit, sondern um einen Kooperationsvertrag zwischen dem Chemnitzer FC und der eins energie in sachsen.“  Gebunden ist die Finanzspritze an die Vereinbarung, wonach die Betriebsführung des CFC e.V. durch die Eins übernommen wird. Schöner Nebeneffekt: Der Verein kann seine Aufwendungen für Controlling, Rechtsberatung und Betriebsführung spürbar reduzieren.

Aber damit ist der Reigen städtischer Hilfsmaßnahmen längst nicht beendet. Kaum sind die akuten Löcher gestopft, da alarmiert der CFC die Öffentlichkeit mit der atemberaubenden Zahl von 4,6 Millionen Euro, die für die Erteilung der Spiellizenz 2017/18 im Budget fehlen. Wie sich in der Aufarbeitung der Beinahe-Pleite herausstellt, war nicht nur die zu üppige Kaderplanung des CFC dafür verantwortlich, sondern hauptsächlich die finanzielle Schieflage der Club-Tochter CFC Marketing und Stadionbetrieb GmbH. Zu geringe Einnahmen, zu hohe Ausgaben – um das geradezubiegen springt im Dezember 2016 die GGG ein, zu 100 % im Eigentum der Stadt. Sie schließt einen Geschäftsbesorgungsvertrag mit der CFC-Firma ab, in dem sie beauftragt wird, das kaufmännische Geschäft zu übernehmen. „Darüber hinaus unterstützt die GGG“, so ihr Sprecher Erik Escher, den CFC „bei der technischen Bewirtschaftung der Immobilie Stadion.“ Schöner Nebeneffekt: Auch die CFC-GmbH kann ihre Aufwendungen für Controlling, Rechtsberatung und Betriebsführung spürbar reduzieren. Wie der CFC-Vorstand mitteilt, werden „die mit Aufgaben betreuten Mitarbeiter der eins energie in sachsen und der GGG durch ihren jeweiligen Arbeitgeber selbst finanziert.“

GGG senkt CFC-Kosten
Nun meldet GGG-Chefin Simone Kalew erste Erfolge. Die laufenden Aufwendungen für die CFC Marketing und Stadionbetrieb GmbH werde man „im Geschäftsjahr 2017/2018 voraussichtlich um 250.000 Euro ggü. dem Geschäftsjahr 2016/2017 senken können.“  Und noch ein Coup ist ihr gelungen: Für die Vermarktung der spielfreien Tage, immerhin mehr als 340, konnte man die C³ Chemnitzer Veranstaltungszentren GmbH ins Boot holen. Die ist, wie soll es auch anders sein, ebenfalls ein 100-prozentiges Tochterunternehmen der Stadt und kümmert sich sonst um den Betrieb der Stadthalle, der  Messe und des Wasserschlosses. Mit ihrer Hilfe will man schon am Ende der laufenden Saison einen positiven Jahresabschluss erreichen. Vorteil für den CFC: Als alleiniger Gesellschafter musste er in den vergangenen Jahren die Fehlbeträge der GmbH übernehmen. „Durch unsere Optimierungen entfallen künftig bei ausgeglichenen Jahresergebnissen diese Belastungen für den CFC, was neben einer Reduzierung der Stadionmiete in den kommenden Jahren eine weitere Kosteneinsparung für den Verein darstellt“, so Erik Escher.

Welche Maßnahmen tatsächlich zu dieser optimistischen Aussage führen, will man seitens der GGG nicht preisgeben, auch bei der C3 lässt man die Nachfrage bezüglich Einnahmezielen unbeantwortet. Fakt ist: Insider hatten sich überrascht über die Lizenzerteilung für den CFC zur aktuell laufenden Saison gezeigt. Zu hoch schien die offene Summe von 4,6 Millionen Euro. Eine halbe Million Euro oder sogar mehr könnte aber die Zusage der GGG, die CFC-Tochter zu einem positiven Jahresabschluss zu führen, in den Lizenzunterlagen gebracht haben, so Beobachter. Möglicherweise war das die entscheidende Summe für die DFB-Lizenz.

Stadt will Stadionbetrieb kontrollieren
Zentrale Aufgaben des Geschäftsbetriebes des CFC werden also nun von Tochterunternehmen der Stadt Chemnitz gemanagt. Auch in Vorstand und Aufsichtsrat sitzen Vertreter der GGG und der Klinikum Chemnitz gGmbH, einer weiteren 100-prozentigen Tochter der Stadt. Das Ziel der Stadt scheint klar: Das Stadion gehört der Stadt, die Kosten, die es verursacht, will man unter Kontrolle behalten und mithilfe der eigenen Tochterunternehmen wuppen. Die höchsten Kosten entstehen im Moment durch den Spielbetrieb des CFC. Dafür bekommt der Verein eine Rechnung. Sollte der Club aber mal nicht mehr dafür aufkommen können, kann man möglicherweise durch alternative Nutzungen trotzdem genug einspielen, um sich nicht den Vorwurf einzuhandeln, auf einer Pleiteimmobilie zu sitzen. Ganz nebenbei entkoppelt die Stadt damit weitgehend die Stadionkosten vom jährlichen Lizenzerteilungskampf des CFC. Daran war zuletzt Alemania Aachen kollabiert, auch Dynamo Dresden hatte diesbezüglich jahrelang Probleme.

Ob diese ungewöhnliche Entwicklung von Dauer bleibt, kann keiner so recht abschätzen. Das C3-Engagement ist zeitlich befristet, auch die eins spricht von einer temporären Kooperation. Mittlerweile beschäftigt der CFC wieder einen Kaufmännischen Geschäftsführer und zwei Buchhalterinnen, ein Ende der Fremdverwaltung durch die eins scheint absehbar. Allerdings war diese bindender Bestandteil des Stadtratsbeschlusses zur Überweisung der oben genannten 1,26 Millionen Euro. Erst wenn der CFC glaubhaft nachweisen kann, selbst seine Buchführung seriös zu führen, können die eins-Controller abziehen.

Voraussetzung für eine Rückkehr zu „normalen“ Verhältnissen wäre eine deutlich bessere Finanzsituation des CFC. Bei Lichte betrachtet wird das aber in der 3. Liga und darunter kaum der Fall sein. Erst ab Liga 2 wird im Profifußball genug Geld verdient, um all die Notwendigkeiten aus Spiel- und Stadionbetrieb abzudecken. Oder es taucht doch noch ein Milliardär in Chemnitz auf und pflegt ein neues Hobby.

Text: Lars Neuenfeld, Grafik: Maik Irmscher

Erschienen im Heft 09/17

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