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Zwischen Klimek und Rudolph

Die Baustelle als Chance begreifen

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Die Baustelle als Chance begreifen

Es kotzt dich an. Du musst absteigen vom Fahrrad, weil du die steile Kurve nicht kriegst. Zu Fuß aber fällst du aufgrund bodenuntauglicher Untergründe auf die Fresse. Ständig gibt es Umleitungen, die du nicht verstehst und die dich zu Orten führen, wo du überhaupt nicht hinwillst. Die Baustellen dieser Stadt kotzen dich an.

Chemnitz hat sich was ganz Besonderes ausgedacht. Wir wollen Kulturhauptstadt werden, wir wollen loslassen vom alten Proletarier-Image, wir wollen weltoffen sein und tolerant. Überall Projekte, Kooperationen und Internationales. Doch wie geht der Mensch damit um, der das alles gar nicht gewohnt ist. Vielleicht möchte der Chemnitzer – unabhängig vom Alter – auch mal ausprobieren „jung und kreativ“ zu sein. Aber wie soll man das anstellen, wo man doch sein Leben lang das Gegenteil gelernt hat?

Die Stadt Chemnitz hat sich da was überlegt. Ganz subtil und doch nicht zu übersehen. Ganz niedrigschwellig und doch ungemein wirkungsvoll. Die Baustelle. Ach was sag ich, die Baustellen. Es sind 41 Baustellen in der Stadt (Stand: 14. Juni 2018). Einundvierzig.
Aber was hat das mit weltoffen zu tun? Zunächst könnte man denken, weil wir damit unsere europäischen Nachbarn einbeziehen. In diesem Falle Österreich, muten die rot-weiß-roten Mobilzäune zur Baustellensicherung doch wie ein rechtes Labyrinth an, aus dem man nicht mal eben kurz wieder herausfindet.

Aber nein, das ist es nicht. Es ist viel einfacher.

Greifen wir uns episodisch ein paar exemplarische Baustellen heraus.

Sonnenstraße: Vollsperrung.
Nun ja, der Raum sich aus dem Weg zu gehen ist stark einschränkt, denn die Straßenseite kann man nicht mehr wechseln. Mir kommen also Menschen entgegen, die ich nicht einordnen kann, die gefährlich wirken. Ich nähere mich. Man grüßt sich nett. Ey, die sind ja gar nicht schlimm!

Kaßbergauffahrt: Vollsperrung.
Mobilisiert mit Fahrrad, Kinderwagen oder Rollator kommt man die Kaßbergauffahrt nicht mehr hoch. Bleibt also nur neue Wege zu gehen. Dabei entdecke ich viele Straßen, die ich noch nie zuvor benutzt habe, kleine verwunschene Ecken und ich weiß nun endlich auch, dass Zebra neue Zebras sucht. Hmm. Na jedenfalls, zeigt sich mir die Stadt, die ich vermeintlich so gut kenne, von einer ganz neuen, weil nie gesehenen Seite. Toll!

Bernsbachplatz / Reitbahnstraße: ständiger Wechsel von halbseitigen Sperrungen.
Hier ist es in der Tat schwieriger. Man kann sich ja noch über die Baustelle bewegen, aber gefühlt jeden Tag auf einem anderen Weg. Die schier unübersichtliche Anzahl von Bauzäunen verwebt sich zu einem Labyrinth, das man von außen nicht überblicken kann. Erst im Gehen erkennt man den Weg. Hier bin ich angehalten mir meine Wege selbst zu suchen, mitunter auch außerhalb der vorgegebenen Markierungen. Kreative Lösungen hat der Chemnitzer gefunden und schlängelt sich so gut es geht auf Pfaden vorbei. Jedoch manches Mal muss man durch. Da sollte man Radcross schon mögen, um diese Wege mit dem Fahrrad zu meistern. Selbst die hartgesottene Postbotin steigt ab. Aber egal, morgen sieht der Weg durch die Baustelle ja schon wieder ganz anders aus.

Anhand dieser drei kleinen Beispiele kann man zusammenfassend sagen, die Idee der Stadt Chemnitz (in Zusammenarbeit mit dem für diese Aufgaben scheinbar einzig verlässlichen Partner Klimek & Rudolph) geht auf. Baustellen als Wegweiser und Lernfeld für die Bürger*innen hin zu einer weltoffenen Stadt birgt viele Möglichkeiten: Zahlreiche skills werden trainiert, zum Beispiel Auswege zu suchen, wo keine zu sein scheinen, Lösungskompetenzen werden gestärkt, Frustrationsschwellen gesenkt. Nicht zu unterschätzen ist außerdem der immer wieder überraschend starke Bindungsaufbau zwischen unterschiedlichen Menschen, wenn sie einen gemeinsamen Feind haben.

Aber was macht der Chemnitzer damit? Was bleibt ist das verunsichernde Gefühl, wenn man sich, auch abseits der großen Straßen, zu Fuß oder mit dem Rad durch die Stadt bewegt. Überall wird gebaut, alles verändert sich, morgen wird nichts mehr sein, wie es heute ist. Und oft kann man auch nicht genau sagen, ob es sich zum besseren ändert. #Reitbahnstraße, auf der man durchaus hätte erwarten können, nach den Baumaßnahmen einen Fahrradweg vorzufinden. Nun ja.

Da stehst du also, du Chemnitzer, nachts in der Baustelle, weil du dich verirrt hast und nicht mehr herausfindest. Es fängt an zu regnen und am nächsten Tag geht die Sonne sowieso nicht mehr auf. Du stehst da und schimpfst und schimpfst und da kann ich nur sagen: Dann bleib halt stehen, wo du bist.

Allen anderen, die wissen, dass wir diese Baustellen gar nicht ändern können und – das glaube ich wirklich – dass die auch ein bisschen notwendig sind, all diesen Menschen, die das wissen, denen rufe ich zu: Geht frohen Mutes mitten rein! Dann ist es hinterher umso schöner, weil man ein Teil davon gewesen ist, von der Veränderung. Wie schön!

Darum: Verlauft euch! Macht Umwege! Spürt den Untergrund!

Lange wird es diese vielen schönen Baustellen nicht mehr geben.

Text: PoNor

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