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Chemnitz 4.0

Die Suche nach dem sensorischen Urschleim in Chemnitz

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Die Suche nach dem sensorischen Urschleim in Chemnitz

Ohne Sensoren keine Zukunft. Zumindest nicht Marke 4.0, also smart und Internet-Of-Things-mäßig. Damit die kommen kann – daran forschen Chemnitzer Firmen im großen Stil.

Alle ziehen weg, die Stadt ist uninteressant, keiner tut was und überhaupt, hier gibt es ja nicht mal eine anständige Bahnanbindung. Gemaule geht vielen Chemnitzerinnen und Chemnitzern leicht über die Lippen. Dabei tummeln sich hier klammheimlich Marktführer und internationale Unternehmen – vor allem in der Sensortechnik. Da wollten wir mal nachforschen und haben daher mit Menschen gesprochen, die sich auskennen.

Der sensorische Urschleim

Einer von denen ist Dr.-Ing. Marko Rößler. Er arbeitet am Institut für Informationstechnik der TU Chemnitz als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Professur Schaltkreis- und Systementwurf und zeigt mir geduldig vom Urschleim angefangen, was es mit diesen Sensoren überhaupt auf sich hat. Ein Sensor, so erfahre ich, ist ein kleiner, in meinen Augen erstmal relativ unauffälliger Chip, welcher bestimmte Eigenschaften oder seine Umgebung selbst erfassen kann. So etwas findet man heutzutage quasi überall, zum Beispiel im Handy zum Schritte zählen oder für die GPS-Navigation. Hat man aber einen solchen Sensor jetzt erfunden/gebaut/eingekauft, geht damit die Arbeit erst los: „Ein Sensor sammelt viele Daten, die es erst auszuwerten gilt“, erklärt mir Marko Rößler: „Es benötigt also eine Intelligenz, ein System, das diese Zahlen verschiedener Sensoren zusammenbringt. Erst damit kann man wirklich arbeiten.“ Mit dieser Datenfusion, die dieser kleine Chip mit sich zieht, befassen sich mittlerweile in Chemnitz etliche Firmen in verschiedenen Geschäftsbereichen.

Finden statt Suchen

Eines der zurzeit heißesten Themen ist das autonome Fahren. Auch hierfür werden Sensoren benötigt, damit die Autos wissen, wo sie sich befinden und wohin sie fahren. In dieser Richtung passiert in Chemnitz so viel, dass man gar nicht weiß, wohin man zuerst schauen soll: Das Start-up Naventic beispielsweise gewann vor einigen Monaten auf der Computermesse Cebit mit ihrer Navigationstechnologie einen Hauptpreis beim „Gründerwettbewerb - Digitale Innovationen“. Auch die Superstar-Firma Intenta hat mit ihrem Sensor S2000 den großen Durchbruch geschafft: Das System kann eigenständig Objekte und Personen erkennen und wird so für die Kontrolle und Sicherheit etwa in Bankfoyers eingesetzt. In diesem Jahr sollen Banken in ganz Deutschland ausgestattet werden - die Mitarbeiterzahl von Intenta steigt stetig, gerade wird ein neuer Firmensitz auf dem Kaßberg gebaut.

Auch Agilion zählt zu dem Reigen der erfolgreichen mittelständischen Unternehmen, die sich von Chemnitz aus mit dem richtigen Einsatz von Sensoren beschäftigen. Einer der Firmengründer und Geschäftsführer ist Sven Sieber, der an der TU Chemnitz Informatik studiert hat. Ursprünglich kam er aus dem Bereich der Robotik, doch unterwegs stieß er auf interessante Sensortechnik. Heute baut Agilion Funkortungssysteme, die die Position von Personen, Fahrzeugen, Werkzeugen oder Frachten bestimmen. Ähnlich wie GPS also, im Gegensatz dazu funktioniert das Ganze aber auch Indoor und ist dadurch höchst gefragt. „Interessant ist unsere Technik eigentlich für jeden Bereich. Jeder, der etwas sucht, kann es mithilfe unserer komplexen Systeme finden“, erklärt Geschäftsführer Sven Sieber. Hauptkunden kommen aus Lagerung, Logistik und Automobil. Im Bereich des ÖPNV ist die Chemnitzer Firma sogar Marktführer. In den nächsten Jahren steht vor allen Dingen die weitere Internationalisierung des Unternehmens im Mittelpunkt. Trotzdem sehen sie ihre Zukunft klar in Chemnitz: „Die regionale Bindung ist uns sehr wichtig. Glücklicherweise können wir Projekte in der ganzen Welt betreuen, ohne direkt vor Ort zu sein“, so Sieber.

Keimzelle Uni

Dass sich so viele Firmen aus dieser Branche in Chemnitz ansiedeln und hier sogar beachtlich weiterwachsen hängt maßgeblich mit der TU Chemnitz zusammen. Da beispielsweise am Institut für Informationstechnik neben der Grundlagen- vor allem auch die angewandte Forschung ein wichtiges Feld ist, profitieren von einer Kooperation beide Seiten. „Während große Firmen extra Abteilungen haben, die sich mit der Forschung befassen, haben kleine mittelständische Unternehmen oft nicht genügend Kapazitäten für eine Vorentwicklung“, erklärt Marko Rößler: „Diesen Part übernehmen dann wir als Uni und können so Entwicklungslücken schließen.“ Auch die vorhandene Infrastruktur und niedrige Preise sind Pro-Argumente für Chemnitz. Dass die Stadt aber auch ihre Grenzen hat, darüber kann auch Robin Streiter, Geschäftsführer und Mitbegründer von Naventic, berichten: „Die Akquise von Fachpersonal ist sehr aufwendig“, erklärt er: „Wir müssen den Standort und die Arbeitsbedingungen in der Firma für hoch-qualifizierte Arbeitskräfte erst attraktiv machen.“ Trotzdem hat er für die sehr aktive Gründerszene und die Unterstützung für Start-ups nur Lob übrig.

Unterm Strich kann man also sagen, dass die Partnerschaft zwischen Universität und Firmen aus dem Bereich der Sensortechnik so gut funktioniert, dass sich die Branche hier blendend entwickeln kann. Was Chemnitz auf jeden Fall gut vertragen kann sind noch mehr engagierte Gründer, die ihre Ideen in der Region ausbauen wollen – und vielleicht irgendwann ja dann doch auch mal eine gute Bahnanbindung.

Text: Lisa Kühnert

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