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Johanna kennt keine Angst

Die Tankstelle gegenüber der Steinhauspassage

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Die Tankstelle gegenüber der Steinhauspassage schließt neuerdings schon 23 Uhr. Schade, sagen die Bewohner der Zietenstraße. Gut so, sagt der Inhaber.

Die Tankstelle gegenüber der Steinhauspassage schließt neuerdings schon 23 Uhr. Schade, sagen die Bewohner der Zietenstraße. Gut so, sagt der Inhaber.

Samstagabend im Lokomov, eine Ausstellungseröffnung, es gibt Wein, es gibt Buffet, es gibt Möhrenkuchen. Um 22:40 klingelt der Wecker des ausstellenden Künstlers, zwanzig Minuten vor elf.

Um elf schließt die Tankstelle, die auf der Clausstraße, die gegenüber der Steinhauspassage.
Der einzige Späti der Stadt, sagen sie hier. Und stellen sich jetzt die Uhren nach den neuen Öffnungszeiten. Torschlusspanik am Tankhahn. „Wo sollen wir denn jetzt früh um fünf noch Eier für unser Sonntagsfrühstück herbekommen?“  

Wie in jedem guten Späti gibt es auch hier Eier, Wurst, Bücher und Bier. Kaffee, Kippen und die BILD-Zeitung. Die Quarktaschen sollen gut sein, sagt jemand. Wie das Benzin schmeckt, weiß man nicht. Fest steht: Hier tankt der Sonnenberg – und das ist erstens nicht unbedingt wörtlich gemeint, und genau deswegen zweitens, eben nicht unbedingt unproblematisch.  

Nun ist der Sonnenberg vom Ruf her ja schon lange eher so das Klein-Harlem von Chemnitz, das Stadtteilsorgenkind mit brennenden Tonnen und Nazi-Graffiti mit Raubüberfällen und einem Drogenproblem. Nun liegt diese Tankstelle aber auch gar nicht auf dem Sonnenberg, sondern im Lutherviertel. Zumindest auf der Karte. Ideell allerdings gehört sie zu Chemnitz' liebster Gangster-Hood.

„Gegen feiern und trinken haben wir hier nichts“, sagt der Inhaber der STAR-Tankstelle, Peter Scheffler. Nur haben sich immer mehr Kunden versammelt, vor allem in den Durchfahrten, die nicht nur gefeiert, sondern die gesoffen und geprügelt und gebrochen haben. Vollgekotzte Wände, Fäkalien, Müll. Und mittendrin die Mieter, die tagtäglich das angehäufte Ekel passieren müssen, wenn sie in ihre Wohnungen wollen. „Wir haben uns hier eingemietet, und müssen als Pächter dafür gerade stehen.“ Unter diesen Umständen eine Unmöglichkeit. Und dann wäre da noch die Nachtschicht. Die ist obermies, sagt Scheffler.

Den Verkäuferinnen fällt jetzt der Nachtzuschlag weg, sagt jemand im Lokomov, das finden die nicht so gut. Das was sich hier abgespielt hat, war einfach nicht mehr tragbar, sagt der Geschäftsführer. Prügeleien vorm Nachtschalter. Mitarbeiterinnen, die das Blut wegwischen. Menschen, die zu solchen Zeiten und Bedingungen arbeiten, gehörten anständig entlohnt, findet Scheffler, der aber nur 8,50 Euro zahlen kann – zu wenig, sagt er, aber in der Mineralölbranche nicht anders machbar. Unter diesen Umständen sind die neuen Öffnungszeiten die einzige Möglichkeit. „Man kann sich sein Bier ja auch vorher kaufen.“

Die Bewohner der Zietenstraße sehen das anders. Und stellen sich wehmütig die Wecker, auf 22:40, zwanzig Minuten vor elf.  „Wir weinen diesen Nächten keine Träne nach“, sagt der Inhaber. „Wir irgendwie schon“, sagen die Blicke im Lokomov. Muss man eigentlich noch Angst haben, wenn man nachts an die Tankstelle geht?  Ungläubige Gesichter: Was? Angst? Nein. „Wer auf dem Sonnenberg wohnt, der hat vor nichts Angst.“

Text: Johanna Eisner


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