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Kiez oder Schlafstraße?

Die alte Frage: Was wird aus dem Brühl?

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Jetzt wollen wieder alle den Brühl retten. Doch vor was? Vor dem Sterben der Kneipen oder vor zu viel Nachtleben? Die Vorstellungen gehen weit auseinander, doch nun scheint Leben in den Entwicklungsprozess zu kommen. Ein Zwischenbericht.

Ist der Brühl im Kommen? Oder geht er wieder, ohne richtig da gewesen zu sein? Diese Frage stellen sich Chemnitzer nun schon seit vielen Jahren. Und was heißt denn dieses „Kommen“ überhaupt? Denn dass sich auf dem Brühl etwas tut, ist unbestreitbar. Bei Veranstaltungen wie der „Musikmeile“, dem „Baumwollbaum“ und dem „Brühlkiez“ strömen tausende Menschen über den Boulevard, freuen sich, wie schick er in den letzten Jahren geworden ist, hören coole Musik, trinken ein Bier und gehen wieder nach Hause. Außerhalb von Events fehlen diese Besucher häufig. Fragt man die Gewerbetreibenden, so könne es gern mehr Laufkundschaft geben. Doch schon die Tatsache, dass es so viele kleine Geschäfte gibt, ist ein Fortschritt. „Im gewerblichen Bereich hat es ca. 35 neue, ganz unterschiedliche Ansiedlungen in den letzten 3 – 4 Jahren gegeben, viele Kreative sind auf dem Brühl, auch das Musikkombinat und viele Vereine“, sagt Claudia Bieder vom Brühlmanagement. Dieses wurde 2012 ins Leben gerufen, um die Belebung des Boulevards voranzubringen. Doch so viel sich auch tut, so kurzlebig sind häufig die neuen Geschäfte, Kneipen und Imbisse. Die Schließungen sind oft mit Unmut verbunden.

Ein prominentes Beispiel, das in den vergangenen Wochen für ordentlichen Medienwirbel sorgte, ist die Coffee Art Bar (kurz CAB), die zum Ende des vorigen Jahres vom tietz auf den Brühl umzog. Ohne Genehmigung, es folgten Gespräche mit der Stadt. „Wir haben dann eine Duldung erwirkt, die bis heute anhält. Sie besagt, wir dürfen keine Musik spielen und Veranstaltungen durchführen, nur Gastronomie anbieten“, sagte CAB-Chef Volker Beier. Das wollte er nicht und kündigte die Schließung der CAB an. Und trat damit eine erneute Debatte los, wie es mit dem Brühl nun weiter geht und ob die Stadt zu viel oder zu wenig dafür tut. Eine Idee ist es, das Viertel mit dem aktuellen Status eines Wohnviertels in ein Urbanes Gebiet umzuklassifizieren.

Der Prozess wird nun vonseiten der Stadt geprüft, kann aber bis zu zwei Jahre andauern. Wenn es klappt, können sich auf dem Brühl sogenannte „Vergnügungsstätten“ ansiedeln, etwa Bars und Kneipen mit Kultur und Musikprogramm, wie es auch die CAB sein will. Gleichzeitig müssen jedoch auch die Anwohner gefragt werden, ob sie überhaupt in einem Urbanen Gebiet leben wollen. Da könnte es noch spannend werden. Denn so klar ist das nicht. Manche Menschen wollen etwa gerne in einem Kiez leben. Dazu gehört beispielsweise Guido Günther, einer der Organisatoren des „Brühl-Kiez“ und des „Baumwollbaums“. „Wenn die Leute überwiegen, die lieber ihre Ruhe haben wollen, dann müssen wir hier nicht mehr gegen Windmühlen kämpfen, sondern suchen uns andere Aktionsplätze“, sagt er. Gleichzeitig hört man von Investoren, die sich bei der Aussicht auf ein reges Nachtleben um ihre Mieteinnahmen im Karree fürchten.

Das Zünglein an der Waage beugt sich mal in die eine, mal in die andere Richtung. Auf der einen Seite gründen sich kleine Genossenschaften, deren Mitglieder im Viertel alternative Wohnformen erproben, andererseits werden ganze Häuserblocks hochwertig saniert. Mit Tiefgaragen und Aufzügen soll ein wohlsituiertes Publikum angelockt werden. Auf der einen Seite öffnen Bars und selbst das Atomino versuchte vor einigen Jahren sein Glück in der Turnhalle der ehemaligen Karl-Liebknecht-Schule. Auf der anderen Seite dürfen ebendiese Kneipen keine Musik anbieten und müssen leise sein. Dass die Entscheidung, was der Brühl nun eigentlich sein will und soll, nun aber getroffen werden muss, darüber sind sich alle Akteure einig. Wie Volker Beier erklärt, werde es zu Beginn des Monats Gespräche von Kommunalpolitikern mit Vertretern von Bau- und Ordnungsamt geben, man wolle den Spielraum von eventuellen Sondergenehmigungen ausloten sowie über das Urbane Gebiet sprechen. Beier sieht die Umwandlung in ein Urbanes Gebiet auch nicht als Allheilmittel, sondern eher als eine Grundlage, auf der sich Vergnügungsstätten ansammeln können. Dabei müsse der Brühl auch keine Partymeile sein, sondern ein Kiez, mit Subkultur, Nachbarschaftshilfe und Nachtleben. Seine CAB möchte er übrigens im März noch offen halten und steht in Verhandlungen mit Nachnutzern, die den Ort am Leben halten wollen.

Text: Sarah Hoffmann

 

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