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Maria isst syrisch

Ein Besuch im syrischen Lokal Al Sham

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Ein Besuch im syrischen Lokal Al Sham und die traurige Erinnerung an ein zerstörtes Land.

Mehrmals täglich laufe ich auf dem Weg nach Hause an dem kleinen syrischen Restaurant „Al Scham“ in der Clausstraße gegenüber der Steinhaus-Passage vorbei, ohne das Lokal bisher einmal betreten zu haben. Heute soll sich das ändern. Mit einer leckeren Tasse Tee werde ich herzlich von Dr. Ousama Bittar empfangen. Bereits seit zwanzig Jahren betreibt er seinen gemütlichen Laden, in dem er höchstpersönlich kocht. Zuerst zeigt er mir seine Speisekarte: Fleischgerichte wie Shawarma und Kufta – arabische Hackfleischbällchen – , Gegrilltes, Falafel, Tabouleh, Hummus, Auberginenpürree und vieles mehr, alles klingt lecker, die Preise sind dabei studentenfreundlich.

Ousama Bittar lebt seit 32 Jahren in Chemnitz, er kennt es noch als Karl-Marx-Stadt aus DDR-Zeiten. Als 24-jähriger kam der damalige Wirtschaftsstudent her, um zu promovieren und blieb schließlich hier: „Chemnitz ist mir ans Herz gewachsen“, erzählt er, „für mich war es zuerst meine zweite Heimat, jetzt ist es meine erste.“ Manchmal vermisst er Syrien, wo seine Mutter und seine Geschwister immer noch leben. Im Krieg. Das Land, das er als junger Mann verließ, gibt es nicht mehr. Vor dem Krieg machte er jedes Jahr einen Monat lang Urlaub in Syrien, besuchte alte Freunde, verbrachte Zeit mit seinen Eltern. Als sein Vater vor zwei Jahren starb, konnte er nicht zur Beerdigung, doch noch immer telefoniert er fast jeden Tag mit seiner Mutter. Für seine Familie kam es nicht in Frage, ihr Land zu verlassen. Das Hab und Gut zurückzulassen, um in einem fremden Land vor dem Nichts zu stehen. Seine Schwester lebt mit Mann und Kind in Aleppo. Wenn ihr Mann zur Arbeit geht, ist nicht klar, ob sie ihn abends wiedersehen wird.

Früher war Syrien ein wunderschönes Land, erzählt Ousama mir. Ein Land, in dem 24 Konfessionen friedlich miteinander lebten, offen und liberal und genau so wurde auch er erzogen. Sein Vater war Lehrer, den Eltern war es wichtig, dass die vier Kinder die bestmögliche Bildung erhielten, alle haben studiert: Wirtschaft, Bauingenieurwesen, französische Literatur. Ousama besuchte eine gemischte Schule, hörte westliche Musik und wenn er sich heute zurückerinnert, stellt er fest, dass es zwischen Syrien und Deutschland damals kaum Unterschiede gab.

Die Freude am Kochen begann für Ousama, als er für das Studium zuhause auszog. Was sein Lieblingsessen auf der Speisekarte des Al Scham ist, kann er gar nicht sagen, denn jedes der Gerichte ist für ihn wie sein eigenes Kind, so erzählt er. Immer frisch zubereitet wird alles, um jedem Gast die authentische syrische Esskultur näherzubringen, denn das sieht er als seine Berufung. Das scheint zu funktionieren, einige seiner Stammgäste kennt er bereits seit der Eröffnung des Al Scham.

Ich verlasse das Lokal nach einer Stunde schließlich mit Sympathie für den Wirt. Während mir die Frühlingssonne  ins Gesicht strahlt, lasse ich das Gespräch Revue passieren. Und weiß mit Sicherheit, dass ich demnächst für eine Portion syrischer Esskultur wiederkomme.
Text: Maria Stephan


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