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Lars erzählt von zwei jungen Männern

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Diese Geschichte handelt von zwei jungen Männern. Eigentlich ist es eine traurige Geschichte. Trotzdem hat sie irgendwie ein Happy End.

Der eine junge Mann, Erik, Bildhauer, Mitte 20, bekommt Ende der 1990er den Auftrag für zwei Plastiken, die am Eingang des Agricolagymnasiums aufgestellt werden sollen. Es ist sein erster richtiger Auftrag, er nimmt an, obwohl er weiß, dass er von der Produktion solch großer Figuren kaum Ahnung hat. Als Material soll ihm Keramik dienen, doch das will nicht mit ihm arbeiten. Und so kommt es: Die Plastiken, jede über zwei Meter hoch, zerbrechen in seinen Händen, immer und immer wieder. Erik verzweifelt.

Der andere junge Mann, Moritz, Schüler, noch keine 20, wird Ende der 1920er gefragt, ob er für zwei Plastiken am Eingang seiner Schule Modell stehen will. Nackt. Moritz, der selbstbewusste, schlanke Jüngling, willigt ein. Insgesamt fertigt der Chemnitzer Bildhauer Heinrich Brenner 1928 acht Plastiken für das Gymnasium an. Drei weitere Schüler stehen ihm dafür Modell. Doch nur sechs Plastiken werden die Zeiten überleben.

Erik sitzt in seinem Atelier, vor ihm die rotbraune Keramik. Der Abgabetermin naht und Erik weiß, dass er ihn nicht einhalten wird können. Es scheint als wären es nicht nur technische Fertigkeiten, die ihm fehlen, viel mehr scheinen die Einzelteile nicht zusammenkommen zu wollen. Erik weiß um die erbärmliche Geschichte der beiden Figuren, die er nun, zwar neu und nicht als Replik, ersetzen soll. Aber kann man das überhaupt? Tilgt man die Geschichte endgültig, wenn man einfach zwei neue Plastiken statt der zusammengeschlagenen alten aufbaut?

Moritz erlebt nicht mit, wie sein Kopf abgeschlagen wird. Wie sein Torso die vielen Meter nach unten stürzt und auf dem Boden, direkt neben der Tür, durch die er einst ging, in Tausend Stücke gefetzt wird. 1936 ist Moritz bereits in England und promoviert in Cambridge. Zuhause wird seine Schule von der Erinnerung an ihn, dem Juden, „gesäubert“. Moritz legt seinen zu deutsch klingenden Vornamen ab. Nun heißt er Maurice und zieht nach Amerika.

Davon weiß Erik nichts. Niemand in Chemnitz weiß davon. Die Goldhabers gibt es hier nicht mehr, erfährt Erik bei der jüdischen Gemeinde. Eine Telefonnummer in Tel Aviv bringt ihn weiter. Ein Mann meldet sich dort. Ja, Goldhaber sei sein Name, aber der Junge an der Schule sei nicht er sondern sein Cousin. Der lebe in New York. Erik bekommt eine Telefonnummer. Das Gespräch mit dem alten Mann in Israel gestaltet sich zunächst unkompliziert, doch als Erik nach Erinnerungen an Chemnitz fragt, bricht es aus ihm heraus. Tod, Vernichtung, KZ. Seine halbe Familie. Umgebracht.

Den Anruf in New York gestaltet Erik bewusst vorsichtig und bittet lediglich um eine Postadresse. Er schreibt einen langen Brief. Das Antwortschreiben ist kurz. Immerhin bestätigt der Mann, die gesuchte Person zu sein. Der Brief ist mit einem offiziellen Kopf versehen: Prof. Dr. Maurice Goldhaber.

Jener Maurice Goldhaber gilt heute als einer der einflussreichsten Nuklearphysiker des 20. Jahrhunderts. Er stirbt 2011 über 100-jährig. Mit Chemnitz wollte er, trotz einiger später Avancen aus der Stadt seiner Jugend, nie mehr etwas zu tun haben. Erik Neukirchner lebt heute in einer alten Dorfschule vor Chemnitz. Als Bildhauer hat er es zu einiger Berühmtheit gebracht. Seine beiden Plastiken gelangen ihm dann doch noch. Im Jahr 2000, reichlich nach dem vereinbarten Termin, wurden sie angebracht. Sein linker Jüngling schließt die Augen, der rechte hingegen blickt entschlossen in die Ferne.

Text: Lars Neuenfeld


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