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Netz als Grundrecht

Freifunk für Flüchtlinge

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Sympathisches Lächeln, schlaue Ideen: Christian Neubauer

Christian Neubauer war Kandidat der Piraten für den Chemnitzer Stadtrat, er ist Mitarbeiter der TU Chemnitz und Hacktivist. Zwei Jahre lang hat er ab 2010 für die Hackergruppe „Telecomix“ so genannte „Tunnel“ ins Internet gegraben und Menschen in Syrien geholfen, Videos von Straßenschlachten oder Bilder von enthaupteten Informanten zu veröffentlichen.

Seit es in Syrien jedoch an weitaus mehr als nur freiem Netz fehlt, engagiert sich Christian auch an anderen Stellen. „Ich möchte, dass die Menschenrechte aktiv bewahrt werden und dass Informationen für alle frei zugänglich sind“, erklärt der Jungpolitiker. Das wird in Deutschland jedoch nicht allen Menschen ermöglicht - Grund sei laut Christian die Asylpolitik.

Im April startet er in Chemnitz seine neueste Initiative unter dem Namen „Connect“. „Die Idee ist es, Asylsuchenden Zugang zu Informationen zu verschaffen und den Kontakt zu Verwandten in der Heimat und den Anwohnern vor Ort zu stärken“, erklärt der 26-Jährige. Dabei beginnt „Connect“ ganz undigital mit einer mehrsprachigen, ausgedruckten Karte über frei verfügbare Funknetze in Chemnitz - seien es Freifunk-Angebote oder Wifi in Cafés. Sportvereinen und Begegnungsstätten soll die Möglichkeit gegeben werden, ihr W-LAN in die Übersicht aufnehmen zu lassen oder - im zweiten Schritt - ein eigenes, kostengünstiges Netz, ähnlich dem Freifunk, durch das Projekt zu erhalten. „So kommen Asylsuchende in echten Kontakt und könnten auch in Sportangebote integriert werden“, erklärt Christian seinen Ansatz.

Später sollen Router nahe Flüchtlingslagern installiert werden, sodass auch dort Internet zur Verfügung steht - bislang seien die „Refugees“ laut Christian gänzlich unvernetzt. „So können sich manche überhaupt erst einmal über ihre Rechte informieren“, sagt der Chemnitzer Aktivist. Die Haftung fürs Surfen übernimmt ein französischer Provider aus Nantes. „Natürlich kann das freie Netz auch von den Anwohnern genutzt werden“, ergänzt Christian. Dafür müssen sie nur die Startseite in Kauf nehmen, die sich beim Anmelden öffnet: auf englisch, persisch und in weiteren Sprachen werden Anlaufpunkte wie internationale Ärzte und Integrationsbüros in der Stadt aufgezeigt.

„Wenn alles klappt, können Asylsuchende bald sogar Vorlesungen an der TU besuchen, statt vom Warten in den Lagern mürbe zu werden“, stellt Christian in Aussicht. Derzeit laufen noch die Verhandlungen. In jedem Fall verfolgt der „Connect“-Initiator weiter seine Ziele und schafft auf seine Weise einen Baustein gegen Fremdenangst und für Integration: Er ermöglicht Menschen den Zugang zu Informationen - unabhängig von ihrer Herkunft.


Text: Marcus Jänecke Foto: privat

Erschienen im Heft 04/15

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