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Ran an die Samen

Gartenbegeisterte Chemnitzer peppeln vergessenes Gemüse und Obst wieder auf

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Gartenbegeisterte Chemnitzer peppeln vergessenes Gemüse und Obst wieder auf

Hybrid oder samenfest? Diese Frage ist für die Biodiversität auf unseren Feldern und in unseren Gärten entscheidend. Das Saatgut schon vieler Pflanzensorten gilt als verloren. Eine Graswurzelbewegung im besten Sinne versucht zu retten, was noch zu retten ist. Auch in Chemnitz ziehen Gartenbegeisterte alte Sorten und peppeln vergessenes Gemüse und Obst wieder auf. 

Die landwirtschaftliche Biodiversität geht mit dramatischem Tempo verloren, berichtet die Weltlandwirtschaftsorganisation FAO in ihrem Weltzustandsbericht 2019. Nach ihren Schätzungen sind seit Beginn der Industrialisierung der Landwirtschaft weltweit bereits etwa 75 Prozent der Kulturpfl anzensorten verloren gegangen. In Industriestaaten sind es sogar über 90 Prozent. 

„Früher hatte beinahe jeder kleinbäuerliche Betrieb seine eigene Hofsorte an Getreide oder Gemüse“, erklärt Susanne Gura, Vorstand des Dachverbandes Kulturpflanzen- und Nutztiervielfalt e. V. Landwirte und Hausgärtner waren zugleich auch Pflanzenzüchter und haben aus ihren samenfesten Sorten das Saatgut für die nächste Saison gewonnen. So entstanden über die Jahrhunderte optimal an die Bedingungen der Region angepasste Nutzpflanzen und eine riesige Vielfalt an Sorten. „Heute dominieren den Markt so genannte Hybride, die mit viel Aufwand und oft mit gentechniknahen Methoden hergestellt werden“, so Gura. Der Vorteil: Aus diesem Saatgut wachsen Pflanzen, die gleichförmig und ertragreich sind. „Dieser Effekt verpufft bei Samen von Hybridpflanzen allerdings schon in der folgenden Generation.“ Also kaufen Landwirte das Saatgut

jedes Jahr wieder neu, statt es wie früher selbst zu ziehen. Und den Markt des Hybrid-Saatguts kontrollieren mit 60 Prozent die drei Chemieriesen Monsanto – inzwischen zur deutschen Bayer AG gehörend –, DuPont und Syngenta. Absehbare Veränderungen in diesem System sieht Susanne Gura nicht und fordert deshalb jeden Hausgärtner auf, selbst für die Rettung alter Sorten zu sorgen.

Zu denen, die das in Sachsen in die Hand nehmen, gehört Birgit Fleischer. Die studierte Biologin und Lehrerin hat die Regionalgruppe Lausitz/Ostsachsen des Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) mitgegründet und gemeinsam mit Gleichgesinnten gärtnert sie nun für die Sortenvielfalt. Ob Bautzener Kastengurke, Nischkes Riesengebirgs-Wintererbse, der Slowakische Bratkürbis Pečarka oder der heimische Kohlrabi Böhmischer Strunk – sie sucht auf Saatgut-Tauschbörsen nach regionalen Sorten und gibt ihre geernteten Samen weiter. Wie schwer es ist, einmal verlorene Sorten wieder anzubauen, weiß sie vom Bautzener Dauerkopf zu berichten: „Die wirklich schmackhafte Salatsorte mit kleinem kompakten Kopf haben wir auch nach Jahren der Zucht nicht so hinbekommen, wie die Pflanze ursprünglich mal war.“

Auch Sebastian Ködel hat so seine Erfahrungen mit der Aufzucht selten gewordener Nutzpflanzen gemacht. Der Mitbegründer des Uni-Gartens der TU Chemnitz zieht seit 2013 gemeinsam mit Gartenbegeisterten Salate und Gemüse. „Der Knollenziest zum Beispiel ist ein ganz feines Gemüse, der Kartoffel ähnlich und landet eigentlich bei Gourmetköchen“, so Ködel. Doch was auf dem Gelände des Studentenwerkes wächst, genießen die Gärtner selbst – die Überproduktion landet in einer Kiste. „Hier darf sich gern jeder bedienen“, sagt Sebastian Ködel. Von Anfang an sei das das Ziel des Gartenprojektes gewesen: „Mehr Selbstversorgung, weniger Lebensmittel von weit her. Aber uns war der Ursprung des Saatgutes und ob es samenfest ist, immer wichtig“, so Ködel. Auch für ihn sind die Saatgut-Börsen wichtige Termine im Kalender.

Einer, der regelmäßig solche Saatgut-Tauschbörsen veranstaltet, ist der Chemnitzer Nachhall e.V. Der Verein betreibt einen Saatgutgarten Ecke Augustusburger Straße/Zietenstraße und produziert zertifiziertes Saatgut von einheimischen Pflanzenarten für eine “Chemnitzer Wiesenmischung”. Mit dabei:  gewöhnliche Grasnelke, Schlangen-Knöterich, Wiesen-Pippau, Acker-Witwenblume und Echte Goldrute. „Wir orientieren uns an den heimischen Pflanzen, deren Bestand niedrig ist. Und die Blühflächen sind auch ökologisch wertvoll für Bienen und andere Insekten“, so Mathias Höppner vom Verein Nachhall. Mit dem gewonnenen Saatgut versorgt er nicht nur interessierte Chemnitzer sondern hat in Zusammenarbeit mit NABU und dem Grünflächenamt Blühflächen am Annenplatz und auf der Flemmingstraße angelegt. „Weitere Projekte in Kooperation mit der GGG sind im Yorkgebiet, auf dem Sonnenberg und im Nordpark geplant“, so Höppner. Und er hofft auf mehr: Kleingartenvereine könnten ihre Gemeinschaftsflächen auch als ökologische Blühfläche mit heimischen Pflanzen anlegen und so die Sorten- und Artenvielfalt stärken.

Wenn Reiner Amme über die zwei Hektar große Streuobstwiese in Chemnitz-Hilbersdorf geht, dann kann er über 210 Apfelbäume zählen, immer zwei Bäume pro Sorte. „Damit haben wir schon mal über 100 der insgesamt über 2000 vom Bundessortenamt definierten Apfelsorten gerettet“, sagt der Pomologe stolz. Denn die Streuobstwiese ist als bundesweit zweite Obstanlage zum „NABU-Obstsortenparadies“ erklärt worden. Ammes Begeisterung für den Apfel ist nicht nur ökologisches Interesse. Es geht ihm auch um Geschmack. „Wenn wir alte, heimische Sorten wie den Sächsischen Königsapfel oder den Thomasapfel wieder pflegen, dann bieten wir auch eine Vielfalt an Aroma und Verwendung.“ So eignet sich der Herbstapfel Alkmene hervorragend für einen Apfelstrudel und den Gravensteiner könne man von Ende August bis Dezember ernten. Dann also, wenn Äpfel aus der Plantage schon nicht mehr aus heimischen Gefilden stammen. „Die Plantagenäpfel werden bis zu 35 Mal gespritzt und aus ihnen wurde so ziemlich alles herausgezüchtet, was gesund an einem Apfel ist“, so Amme.

Mit der Pflege des alten Apfel-, Kirsch-, Birnen- oder gar Quittenbaumes im eigenen Garten sorgt jeder Klein- und Hobbygärtner also nicht nur für leckere Früchte sondern auch für mehr Biodiversität.

Weitere Informationen:

Samenfestes Saatgut für den privaten Anbau von alten Sorten gibt es beim VEN: https://nutzpflanzenvielfalt.de 

Termine für Tauschbörsen in Sachsen für 2020 finden sich bei der Interessengemeinschaft Lebendige Vielfalt: http://www.lebendige-vielfalt.org/ 

Die nächste Pflanzentauschbörse in Chemnitz bietet der Saatgutgarten des Nachhall e.V. am 18. April 2020. 

Beratung zu alten Apfelsorten gibt Reiner Amme am 20. und 21. September zum Herbstfest im Botanischen Garten. 

Text: Peter Altmann

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