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Zum Kopfschütteln

Gedanken zum #nischel

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Gedanken zum #nischel.

Am 05. Mai wird der Nischel 200 Jahre alt, also symbolisch natürlich. Damit Chemnitz nicht gegen Trier abstinkt, obwohl Chemnitz im Prinzip absolut gar nichts mit Karl Marx zu tun hat, Trier hingegen schon, schmeißt man vorm Nischel eine große Feier, wennschon der eigentlich erst 47 Jahre alt und gerade mal in der Mid-Life-Crisis ist.

Doch Krisen scheinen am Karl-Marx-Monument abzuprallen wie globale Lifestyle-Hypes an Chemnitz generell: Vorm Marx-Kopf schwang schon Lutz Bachmann Reden und Cegida Reichsflaggen, am Marx-Kopf jumpen die Nischelhupper regelmäßig alles in Grund und Betonboden, halten Critical-Mass ihre Fixies wie Fäuste in die Höhe, scheitern alle Wortspiele. Er musste ein Deutschland-Trikot tragen und pseudo-proletarische Kalauer aufsagen, er musste der Stadt Chemnitz sein Gesicht leihen, wenn sie wieder mal ihr eigenes nicht fand. Doch er steht einfach ganz starr und stoisch da und duldet alles mit steinerner Mine und grimmiger Ausdruckslosigkeit. Vielleicht ist er ja deshalb so beliebt: Weil er genauso schlecht gelaunt guckt wie die meisten Chemnitzer beim Parkplatzsuchen. Trotzdem muss er ständig für Fotos herhalten und mit Touristengruppen posieren und gilt als die drittmeistfotografierte Chemnitzer Persönlichkeit. Dabei ist er nicht sonderlich fotogen: Fotos von ihm sehen fast alle gleich aus — trist und farblos, wie ein großes Grauton-Panel, nach einem Ort, an dem der Zeitgeist abprallt wie Krisen am Karl-Marx-Monument.

Dass  Chemnitz mal Karl-Marx-Stadt hieß und deshalb 1971 eine riesige sowjetische Propaganda-Büste bekam, ist purer Zufall: Als die SED-Führung 1953 zu Ehren von Marx’ 135. Geburtstag eine Stadt nach diesem benennen wollte, sollte es eigentlich Eisenhüttenstadt treffen. Doch dann starb der große Führer im Osten und aus Eisenhüttenstadt wurde kurzerhand Stalinstadt — es hätte auch für Chemnitz also wesentlich schlimmer kommen können. Daraufhin wollte man Leipzig ummarxen, doch Leipzig war schon immer anders, und so wurde es Chemnitz. Die Stadt war also wieder mal nur dritte Wahl, so wie bei vielen, die zum Studium herkommen.

Weil in Chemnitz alles komische Spitznamen hat, selbst die OB, nenne die Chemnitzer ihr einziges Wahrzeichen gerne „Nischel“, das ist sächsisch und heißt so viel wie „Kopp“. Das Karl-Marx-Monument, wie bürokratisch Korrekte sagen, scheint bei Auswärtigen beliebter als bei den Chemnitzern selbst: Es kann durchaus vorkommen, dass man vietnamesische Reisegruppen vorm Marx-Kopf fotografieren darf. Auf dem Touriportal Tripadvisor wird er mit soliden vier von fünf Sternen bewertet und belegt dort Platz zwei der 70 besten Aktivitäten in Chemnitz. (Auf Platz eins liegt überraschenderweise das IMu*). Die Bewertungen reichen von „einfach umwerfend/muss man gesehen haben“ über „nichts besonders“ bis hin zum vernichtenden „Langweilig“. Eine besonders enttäuschte Nutzerin schreibt: „Sehenswert ist nur, das(s) da in der Stadt ein riesiger Kopf steht, ansonsten ist es veraltet, überholt und gehört rein geschichtlich schon mal nicht zu Chemnitz und gehört einfach nur weg“. Damit hat sie Recht und gleichzeitig auch nicht: Karl Marx war nie in Chemnitz. Aber der Sozialismus war in Chemnitz, und er hat die Stadt deutlich geprägt. Das muss man nicht abreißen, das muss man auch nicht unbedingt mit konsumoptimierter Modernität übertünchen, das muss man aber auch nicht bis zum Erbrechen vermarkten.

Das große Problem des Nischels ist seine Omnipräsenz im Stadtmarketing: Da findet Chemnitz immer noch als Karl-Marx-Stadt statt, als „Stadt mit Köpfchen“, auf ewig reduziert auf die eigene DDR-Vergangenheit. Dabei ist Chemnitz doch so viel mehr: Ein leuchtender Schornstein zum Beispiel und ööhm … Stattdessen heftet man die Hoffnung auf ein besseres Selbst- und Stadtbild an eine überdimensionierte Büste, die von einem Namen zeugt, den es seit 28 Jahren nicht mehr gibt, und den es nur 37 Jahre lang gab. Marx auf Bierflaschen, auf T-Shirts und Pralinenschachteln, in Blognamen, auf Kreditkarten —  alles, woraus sich in Chemnitz Kapital schlagen lässt, wird mit dem Marx-Kopf bedruckt oder beworben, ausgerechnet, möchte man meinen. Die politische Bedeutung des Marx-Monumentes ist mittlerweile so verblichen wie die Farbe bei einem Kleidungsstück, das man zu oft getragen und zu oft gewaschen hat: Um Karl Marx geht es in Chemnitz längst nicht mehr, an seiner Stelle könnte auch eine mondgroße Siegmund-Jähn-Statue stehen, die Leute würden sich trotzdem damit fotografieren. Die ökonomischen Ideen von Karl Marx, die vielleicht wichtiger als je zu vor sind, wurden über die Zeit von inhaltsleeren Marketingmittelchen weggewaschen, von den Rollen der Skateboards abgetragen und von den grauen Tauben zugekackt. Dagegen kann man wohl nicht mehr viel machen. Außer eines: Den Nischel einfach mal in Ruhe grimmig gucken lassen.

* auch so ein komischer Spitzname

Text: Johanna Eisner

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