Magazin

Zwischen E und U

Guillermo García Calvo und die jungen Dirigenten

Veröffentlicht am:

Guillermo García Calvo und den Dirigenten Felix Bender, Jakob Brenner und Stefan Politzka über die Liebe zu Wagner, die Red Hot Chilli Peppers und die Krise der Klassik.

v.l.n.r.: Stefan Politzka (1987 in Berlin geboren, 2. Kapellmeister), Guillermo García Calvo (GMD, geboren 1978 in Madrid), Jakob Brenner (Dirigent, geboren 1985 in Regensburg) und Felix Bender (1. Kapellmeister und stellv. GMD, geboren 1986 in Halle)

Mit dem Spanier Guillermo García Calvo haben die Chemnitzer Theater einen neuen Generalmusikdirektor. Diesem Ereignis würden wir im 371 eigentlich keine größere Aufmerksamkeit schenken, wenn da nicht die erstaunliche Tatsache wäre, dass Senior Calvo noch keine 40 ist und seine drei Dirigenten allesamt um die 30 sind. Ein sehr junges Quartett also, das der hiesigen Robert-Schumann-Philharmonie für die nächsten Jahre klanglich den Weg weist. Lars Neuenfeld wollte mal wissen, was diese vermeintliche Jugend mit einem großen Orchester machen könnte und sprach mit Guillermo García Calvo, Felix Bender, Jakob Brenner und Stefan Politzka über die Liebe zu Wagner, die Red Hot Chilli Peppers und die Krise der Klassik.

Ich möchte zunächst mit ihnen zurückblicken. Was lief in ihren Jugendzimmern als sie 15 waren?
Calvo: Bei mir lief nur klassische Musik. Aber ich war so begeistert, ich wollte alles von dieser Musik hören.
Bender: Ich habe auch nur Klassik gehört, wobei ich einschränkend sagen muss, dass ich ja Internatsschüler beim Thomaner-Chor in Leipzig war. Da habe ich Chartsmusik gezwungenermaßen mitgehört.
Brenner: Ich bin mit beiden parallel aufgewachsen. Ich habe genauso viel Klassik wie Rock und Pop und Techno gehört. Mir ging es eher um den Wert der Musik und so habe ich versucht, nur gute Musik zu hören.

Was ist gute Musik?
Brenner: Über Geschmack lässt sich streiten. Aber es gibt in der populären Musik genauso anspruchsvolle Stücke. Gute Musik haben für mich z.B. immer die Red Hot Chilli Peppers gemacht.
Politzka: Mit 15 hab ich nur noch Wagner und Bach gehört. Davor, so mit 12, hab ich noch HipHop und Reggae gehört, Wu Tang und Bob Marley fand ich gut. Mit 13 habe ich dann Wagner entdeckt und das war wie eine Explosion für mich.

Wagner mit 13? Ich hatte immer das Gefühl, dass man den erst im hohen Alter schätzen lernt.
Politzka: Ich glaube das Gegenteil ist der Fall. Wagner ist so viel näher an der Filmmusik dran, an dieser Ästhetik, die direkt ein Gefühl hervorruft und eine Stimmung beschreibt. Bach oder Beethoven sind viel rhetorischer und brauchen vielleicht auch eine Vorbildung. Wagner ist da viel direkter, viel intuitiver. Damit spielt er ja auch, in gewisser Weise manipuliert er seine Zuhörer damit.
Calvo: Ja, das ist sehr gut gesagt.
Bender: Wir alle an diesem Tisch sind Wagnerianer.
Calvo: Wie auch nicht, es ist unmöglich, das nicht zu sein, wenn man Musiker ist.

Kommen wir zum Jetzt: Wenn Sie am Dirigentenpult stehen, sitzt hinter ihnen, also im Publikum, mit großer Wahrscheinlichkeit kaum einer ihrer Altersgenossen bzw. -genossinnen. Ärgert sie das?
Calvo: Ärgern nicht, aber ich bedauere es, dass andere Menschen dieses Ereignis nicht so genießen wie wir.
Bender: Ich denke, es hängt ganz viel mit der Ausrichtung der Gesellschaft zusammen. Man konzentriert sich auf Schnelligkeit, schnelle Medien, schnelles Internet usw. Die Ruhe, die Kraft und die Konzentration, die ein klassisches Konzert erfordert, ist vielleicht etwas, was später erst wieder kommt.
Politzka: Es geht eben auch um eine Eigenleistung, die der Klassik-Besucher bereit sein muss, einzubringen. Die ist vielleicht genauso hoch wie die Leistung der Musiker auf der anderen Seite. Diese Art der Kommunikation ist bei einfacher strukturierter Musik nicht so. Da kann man sich passiver verhalten.
Bender: Außerdem haben wir ja durchaus auch junges Publikum. Als wir im Sommer My Fair Lady auf dem Theaterplatz gespielt haben, war da ein ganz anderes Publikum als bei Opernaufführungen.

Richtig. Dieses Publikum will also spezifische Angebote. Gibt es weitere Überlegungen oder Ideen in diese Richtung?
Bender: Wir versuchen ja immer, einen gut abgewogenen Spielplan für alle Bevölkerungsschichten zu entwerfen. Das geht mit Angeboten für Kinder los. Wir wollen kein Eliteprojekt sein, sondern neben der Hochkultur auch anderes bieten. Deshalb machen wir ja auch so viele Musicals, die allesamt sehr erfolgreich laufen.

Das Schauspielhaus, das vom Grundverständnis her die Sparte Sprechtheater bedient, hat aktuell mit Ring Of Fire und Struwwelpeter zwei Musiktheaterstücke erfolgreich laufen. Ist das Opernhaus dafür zu groß, zu edel?  
Bender: Das sind Stücke, bei denen eben auch viel gesprochen wird und da sitzen die Experten nun mal im Schauspielhaus. Ähnliches haben wir aber auch schon hier gemacht. Falco meets Amadeus zum Beispiel, was sehr erfolgreich war.

Mir scheint, es fehlt ein komponierender Nachwuchs, der die Geschichten der Jetztzeit in zeitgenössische musiktheatrale Stoffe übertragen kann. Wie sehen sie das?
Brenner: Ja, das ist sehr bedauerlich. Wir hängen da in Deutschland sehr hinterher, im Gegensatz zu den USA. Es gibt auch hierzulande gute junge Autoren, aber zu wenig mutige Produzenten, die diese Stücke rausbringen. Meines Erachtens liegt das an der traditionellen Trennung von Oper und Musical, von E- und U-Musik in Deutschland.

Herr Calvo, würden sie mehr Auftragswerke fordern?
Das ist eher eine Frage an die Intendanz, aber wir Dirigenten können und müssen auch Vorschläge machen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir da immer den richtigen Überblick haben.

Hier mischt sich jetzt still aber bestimmt Raimund Kunze ein. Er ist der Orchesterdirektor, ebenfalls unter 40 und sitzt mit am Tisch. Er verweist darauf, dass die Theater einen Bildungsauftrag haben und der heißt Hochkultur. Immerhin gibt er mir recht, dass „da eine Farbe fehlt“. Aber Kompositionsaufträge kosten mitunter mehrere zehntausend Euro, sind also auch nicht so ohne weiteres machbar. Felix Bender verweist auf die Operette „Südseetulpen“, ein Auftragswerk, das seine Uraufführung im letzten Jahr in Chemnitz erlebte. Auf meinen Einwand hin, dass trotzdem die letzten 60 Jahre der Musikgeschichte im deutschen Musiktheater weitgehend außen vor bleiben, erwidert Kunze, dass die öffentlich geförderten Theater eben nicht dauerhaft die Grenze zur Unterhaltungsmusik überschreiten dürfen. „In gewisser Weise sind wir auch ein Museum und spiegeln wieder, was über die Jahrhunderte an Musik entstanden ist.“ Er, Felix Bender und Stefan Politzka weisen außerdem darauf hin, dass die Philharmonie ein auf Oper und Sinfoniekonzerte spezialisiertes Ensemble ist. „Das sind unsere Hauptaufgaben“, findet Bender.

Die Gegenthese zur Krise der Klassik, also die Überalterung des Publikums und damit das zwangsläufige Sterben dieses Genres, ist ja die, dass man sich gar nicht so um jüngeres Publikum kümmern muss.  Ab einem bestimmten Alter beginnen sich die Menschen wieder vermehrt für klassische Stoffe und Töne zu interessieren. Welche These ist näher an der Wahrheit?
Calvo: Viele Leute meinen, dass man auch vor 30 Jahren schon gesagt hat, das Publikum in klassischen Konzerten sei zu alt. Ich weiß nicht ob das stimmt, aber ich bin zuversichtlich. Was Musik, was die Oper anbieten kann, ist einmalig. Wer das entdeckt hat, bleibt ihr treu, ein Leben lang. Vielleicht braucht man mehr Zeit, um das zu entdecken.

Herr Calvo, Sie sind seit Mitte Oktober in Chemnitz. Warum haben Sie sich für die Robert-Schuhmann-Philharmonie entschieden?
Das ist schwer zu sagen. Ich denke bei solchen Entscheidungen gar nicht so viel nach, aber ich als ich das erste Mal mit diesem Orchester gearbeitet habe, dachte ich: Das ist der richtige Platz für mich in diesem Moment meines Lebens. Ich habe mich sehr wohl bei diesem Orchester gefühlt und ich glaube, die Musiker mögen mich auch. Wir passen einfach gut zusammen. Das war ein Gefühl, dass sich jetzt, wo ich hier bin, bestätigt.

Was möchten Sie mit der Robert-Schumann-Philharmonie erreichen?
Calvo: Ich möchte, dass noch mehr Leute von diesem Orchester begeistert sind und dass die Chemnitzer und Chemnitzerinnen stolz auf ihr Orchester sind. Und dass jeder Chemnitzer mindestens einmal in einem Sinfoniekonzert war.

Vielen Dank für das Gespräch.
 
Interview & Foto: Lars Neuenfeld

Zurück