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Für’n Appl und `n Ei?

Immobilienkauf in Chemnitz: Zwischen Schnäppchen, Ruinen und Luftschlössern

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Ärger mit dem Nachbarn? Keine Lust auf Miete zahlen? Stress mit dem Vermieter? Egal, bei den hiesigen Immobilienpreisen, kann man die Bude auch kaufen und dann machen, was die eigenen vier Wände aushalten. Ist das wirklich so einfach?

Fast. Zunächst einmal steht da der Kaufpreis. So manches Schnäppchen auf Auktionen und Zwangsversteigerungen zu ergattern. Da gibt’s dann vielleicht ein etwas in die Jahre gekommenes Haus an der Limbacher Straße zum Mindestgebot von 5.000 Euro. Problem bei solchen Auktionen ist, dass der Interessent bereits eine Finanzierung in der Tasche haben und nachweisen muss. Weitere Anlaufstellen sind die Stadt Chemnitz oder deren Immobilientochter GGG, die ausgediente Liegenschaften veräußern. Eine ehemalige Schule, die alter Bauernhof oder eine schicke Kaßbergvilla – alles im Angebot. Die Stadt verkauft ihre Immobilien meist an den Höchstbietenden, was, wenn sich sonst keiner für gerade diesen ausgedienten Kindergarten interessiert, überaus günstig sein kann. Einfacher, aber aufgrund von Provision auch teurer, wird es beim Makler oder noch besser indem sich der potentielle Käufer selbst auf die Socken macht.

Das etwa taten Norman Schmidl und Manty Graf, die vor zwei Jahren beschlossen, ein eigenes Heim zu suchen: „Wir hatten keine Lust mehr auf Nachbarn und Hausordnungen, wo es schon Ärger gab wegen einer kleinen Bank vor der Wohnungstür“, erzählen die beiden. Ihr Haus fanden sie schließlich durch Zufall in direkter Nähe zum Stadtpark. Ein Mehrfamilienhaus mit drei Etagen aus privater Hand, bei dem ein kleines Schild im Fenster zum Kauf animierte. Zum Gegenwert eines Mittelklassewagens war es zu haben. „Wir wussten gar nicht, dass es so preiswerte Immobilien in Chemnitz gibt“, erzählen die neuen Besitzer. „Da wir mit mehr gerechnet hatten, blieben auch finanzielle Reserven zur Renovierung.“ Weil das Haus zum Zeitpunkt des Kaufs noch bewohnt war, waren auch Versorgungsanschlüsse vorhanden. Sollten diese fehlen, können sich Käufer auf mindestens etwa 3.000 Euro für Strom und Wasseranschluss der Chemnitzer Stadtwerke einstellen.

Nach Notarkosten – die etwa 1,5% des Kaufpreises der Immobilie betragen – und dem Grundbucheintrag hält natürlich auch das Finanzamt die Hand auf. Die steuerliche Belastung hält sich jedoch in Grenzen, weiß der Chemnitzer Steuerberater Dieter Morgner: „Bei privater Nutzung haben Sie ja praktisch keine steuerlichen Folgekosten.“ Da fiele lediglich die Grunderwerbsteuer an. In Sachsen sind das derzeit einmalig 3,5% des Kaufpreises. Zusätzlich kommt regelmäßig die Grundsteuer hinzu, die allerdings, so Morgner, errechne sich um einiges komplizierter nach Grundstücksgröße, Umfang und Art der Bebauung. Zur Orientierung: für ein Einfamilienhaus kommen jährlich ungefähr 150 Euro zusammen. Etwas anders gestaltet sich das natürlich bei Vermietung einer Immobilie, da gibt es ein zu versteuerndes Einkommen.

Im Fall von Norman Schmidl und Manty Graf wird nichts vermietet. Das Haus ist mit der fünfköpfigen Familie und ihren zahlreichen Freunden ausgelastet. Der Platz sei da schnell verteilt. Freunde und Familie, seien aber auch wichtig, bei einem solchen Projekt – nicht nur zur Belebung des Hauses, auch zur Instandsetzung. Etwa wenn in einer Tagesaktion die Bodendielen von Auslegware und Spanplatten befreit werden sollen. Eine befreundete Künstlerin verpasste der Fassade des „palais liberté“ den passenden Anstrich. Heute sitzt die Familie im frisch gestalteten Hof und fühlt sich frei. Ob Schulanfangsfeiern, die bis spät in die Nacht dauern, oder der großzügige Ausbau des Hauses nach eigenen Vorstellungen, so etwas erlaubt nur die eigene Immobilie. Beispiele für solch glückliche Besitzer gibt es in der Stadt inzwischen vielfach. Da ist die Casa Phantom oder das alternative Wohnprojekt WKB, die sich nach dem Aus der Reba in jeweils eigene Gemäuer zurückzogen. Da gibt es Zusammenschlüsse von Freunden und Familien, die alte Fabrikgebäude zum beschaulichen Domizil ausbauen. Und natürlich gibt es auch Beispiele wie Lars Faßmann und Mandy Knospe, die das Haus Augustusburger Straße 102 für Künstler, Kreative und ihr eigenes Café herrichteten und am Ende selbst wieder zu Vermietern werden. Vielleicht aber gehen Chemnitz auch bald die Mieter aus, denn mit etwas Startkapital und viel Engagement ist das eigene Heim hier nicht unerreichbar.

Text & Foto: Michael Chlebusch

Erschienen im 371 Stadtmagazin 09/11

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