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Im Bus mit Bußmann

Interview mit Frédéric Bußmann

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Interview mit Frederic Bußmann Kunstsammlungen Chemnitz

Das Ziel: Ein Interview mit Frédéric Bußmann, dem neuen Generaldirektor der Kunstsammlungen. Aber irgendwie anders, nicht beim Mittagessen oder im Büro, wir wollen wissen wie der 43-Jährige tickt. Daher der Vorschlag unsererseits, gemeinsam eine Runde mit der Ringbuslinie 82 zu fahren. Der Deal: Wir machen gemeinsam eine Stadtrundfahrt, erzählen ihm was über die Stadt und er uns was über sich. Bußmann willigt ein und so treffen wir, Gabi Reinhardt und Lars Neuenfeld, uns zum ersten Mal an der Bushaltestelle Henriettenstraße. Es ist Samstagabend und Frédéric Bußmann wohnt seit drei Tagen auf dem Kaßberg. Ring frei!

Henriettenstraße
Welche Vorurteile von Chemnitz wollen Sie widerlegen?
Ich habe eigentlich gar keine Vorurteile zu Chemnitz.
Chemnitz ist überaltert, das wäre so ein Vorurteil.
Ich fand die Stadt gar nicht so alt. Ich bin neulich durch die Innenstadt gelaufen und hab da viele junge Menschen gesehen.

Kanzlerstraße
Wie finden Sie Angela Merkel?
Einschläfernd. Sie hat so eine beruhigende Wirkung, was Deutschland auch mal ganz gut getan hat. Aber jetzt ist mir zu wenig Diskurs, es gibt zu wenig grundsätzliche Auseinandersetzungen über Inhalte und dazu trägt Angela Merkel mit ihrer beruhigenden Art maßgeblich bei. Wenn ich z.B. sehe, wie Emmanuel Macron versucht, Europa in Schwung zu bringen und Angela Merkel blockt, da macht sie meiner Meinung nach einen großen Fehler.

Bahnhof-Mitte
Wenn Sie bis in die Mitte eines Flusses geschwommen sind und spüren Ihre Kräfte schwinden, schwimmen Sie zurück oder ans andere Ufer?
Immer ans andere Ufer, niemals einen Weg zweimal gehen.
Aber es könnte praktischer sein, zurück zu schwimmen. Da liegen Ihre Klamotten und womöglich steht Ihr Auto dort.
Das war nicht die Frage.

Gustav-Freytag-Straße
Welche Regel möchten Sie brechen? Im Kunstbetrieb, im Leben?
Ich bin ein großer Freund von Regeln und ein großer Freund davon, diese wieder zu brechen. Man sollte Regeln beherrschen, um nicht von ihnen beherrscht zu werden. Aber helfen Sie mir auf die Sprünge, welche Regeln meinen Sie?
Verhaltensregeln im Museum zum Beispiel, wie das Abstandhalten zum Kunstwerk oder dass man ruhig sein muss.
Abstandhalten ist zuerst einmal eine ganz praktische Sicherheitsmaßnahme, diese Regel würde ich nicht brechen wollen. Wobei ich den Ansatz durchaus nachvollziehen kann. Wir hatten mal in Leipzig einen Workshop mit Sehbehinderten und Blinden, die wollten natürlich anfassen. Das war ein langer Kampf mit den Restauratoren, dass die Skulpturen angefasst werden durften, und auch mich hat es einige Überwindung gekostet, das zuzulassen. Museen sind schon in gewisser Weise heilige Hallen und das finde ich in Maßen auch gut. Allerdings sollte dies nicht dazu führen, dass nur sehr wenige Menschen sich herein trauen: Zugangsschwellen müssen abgebaut werden, alle Menschen sind eingeladen und dürfen nicht aus Angst vor dem Nicht-Beherrschen der Regeln abgeschreckt werden. Dabei würde ich gern mehrere Modelle haben, also mit Räumen, in denen es auch laut sein darf, wo man experimentieren kann und auch mal was daneben geht. Aber in den Kunstsammlungen am Theaterplatz sehe ich jetzt nicht, dass man da mit dem Skateboard durchfährt. Das funktioniert nicht.

Fraunhoferstraße Süd
Noch etwas zum Thema Regeln. Wir passieren hier so ein Viertel mit Technik-Start-Ups und wissenschaftlichen Instituten. Die Leute, die hier arbeiten, verdienen recht gut, arbeiten aber selten klassisch von 9 to 5. Diese Leute sind für Ihre Museumsöffnungszeiten fast gänzlich verloren. Sind diese Öffnungszeiten noch zeitgemäß? Muss man das aufbrechen?
Auf jeden Fall. Wenn man Leute, die arbeiten, ins Museum holen will, muss man sich auch auf deren Lebenssituation einstellen. Da muss sich das Museum den Menschen zuwenden. In Leipzig hatten wir mittwochs immer bis 20 Uhr auf. So etwas kann ich mir auch hier vorstellen, vielleicht auch mal bis 22 Uhr, aber das muss ich natürlich mit den entsprechenden Verantwortlichen bereden.

Technopark
Die Haltestelle heißt Technopark. Sie sind Jahrgang 1975...
1974, und ja, ich war auch auf Techno-Partys.
Loveparade?
Ja, auch. Ende der 90er. Das war mir aber dann zu voll und auch zu prollig. Aber generell habe ich damals auch Techno gehört, neben anderen Sachen.
Und heute?
Nach wie vor gern elektronische Musik, allerdings eher minimalistische Dinge wie Philip Glass. Ansonsten Jazz und Klassik, früher auch Punkrock. Als Teenager hatte ich für kurze Zeit mal Dreadlocks.
Machen Sie selbst Musik?
Ich habe Klavier und Saxofon gelernt, spiele aber nicht gut.
Und malen Sie?
Nein. Als Jugendlicher hab ich gesprayt, mit Schablonen und so.
Womit wir wieder beim Regeln brechen wären.

Sportforum Tor 1
Zwei Fragen. Erstens: Treiben Sie Sport?
Sehe ich so aus? Nein, aber ich fahre sehr gern und oft Fahrrad.
Zweite Frage: Wer hat das eine Tor beim Spiel BRD – DDR geschossen?
Keine Ahnung.
Das war jetzt die Ossi-Fangfrage: Im Osten weiß das jeder, Jürgen Sparwasser, WM 74, im Westen niemand. Das ist so DDR-Folklore.
Ok, aber ich interessiere mich auch überhaupt nicht für Fußball.

Städtischer Friedhof
Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?
Oh. Puuh. Am besten gar kein Grab haben, oder? Wenn man so ein Grab hat, ist das schön für die Angehörigen, aber für einen selber ist das doch egal. Man muss doch nicht für die Ewigkeit da sein.
Seebestattung?
Ja, so was. Aber ich muss dazu sagen, dass unsere Familie ein Grab in Frankreich hat, in dem wohl auch ich eines Tages liegen werde.

TU Campus
Waren Sie ein fleißiger Student?
Nein, nicht besonders. Ich habe eher nach dem humanistischen Bildungsideal gelebt, also das Studium als Schule für das Leben. Ich habe in Berlin, Rom und Paris Kunstgeschichte studiert und auch viele Dinge neben dem Studium gemacht.
Wie viele Semester?
15 bis zum Magister und dann nochmal drei Jahre bis zur Dissertation.
Wie wollen Sie die Chemnitzer Studenten und Studentinnen in Ihre Häuser locken?
Museen haben da generell ein Akzeptanzproblem, das ist kein Chemnitzer Phänomen.  Und ich habe den Eindruck, dass das viele Publikumsschichten betrifft. Wir müssen uns fragen, woran das liegt. Vielleicht an den Themen, ich weiß es noch nicht. Ich würde gern mal statt einer Besucheranalyse eine Nicht-Besucheranalyse durchführen. Aber man muss auch nicht unbedingt immer alles für alle machen. Museen sollten Angebote an alle Bürgerinnen und Bürger unterbreiten, aber manche haben eben keine Lust ins Museum zu gehen und das finde ich genauso legitim.

Wartburgstraße
Luther oder der Papst?
Der Papst natürlich. Ich bin zwar mit 16 aus der katholischen Kirche ausgetreten, aber ich bin Kulturkatholik. Mich fasziniert das Geheimnisvolle, das Mystische, die Sinnlichkeit – da bin ich absolut katholisch.

Lindenhof
Welche Erfahrungen aus Ihrer Zeit in Leipzig werden Sie in Chemnitz einbringen?
Ich habe sieben Jahre am Museum der bildenden Künste gearbeitet, dass ist eine Berufserfahrung, die ich einbringen kann. Wir haben im Rahmen meiner letzten Ausstellung mit Ayşe Erkmen und Mona Hatoum ein umfassendes Vermittlungsprogramm entwickelt, das sich an viele unterschiedliche Bedürfnisse und Bevölkerungsschichten richtete, auch an Geflüchtete, und das Museum als Raum nicht nur der Kunst, sondern auch des gesellschaftlichen Austauschs verstand. Unter dem neuen Direktor war es vielleicht die Tatsache, dass wir dort mit der verstärkten Einbindung sozialer Medien sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Tatsächlich sind sehr viel mehr jüngere Menschen ins Museum gekommen. Und dann haben wir auch gute Erfahrungen mit einer größeren Offenheit gegenüber der Stadtgesellschaft gemacht. Die Kunstsammlungen müssen ein Akteur der gesellschaftlichen Diskussionen sein. (Wir fahren am Lokomov vorbei, Bußmann war bereits dort) Ich bin zum Beispiel sehr interessiert an subkulturellen Formen, wenn es da Überschneidungen gibt, kann man das stärken, auch mit konkreten Kooperationen. Allerdings darf es auch keine Vereinnahmung geben, Vielfalt ist wichtig.

CFC-Stadion
Für welche fünf Dinge möchten Sie nicht bezahlen?
Frédéric Bußmann überlegt, wir diskutieren, am Ende nennt er: Software, Wasser, öffentliche Toiletten, Bildung und Kaffee. Wobei ich das Letzte nicht ernst meine.

Sachsen-Allee
Wenn Sie eine Fast-Food-Kette wären, welche wären Sie?
Überlegt lange, wir werfen einige Beispiele rein, am Ende meint er: Vielleicht eine Bio-Fast-Food-Kette, gibt es so etwas? Das ist ja ein Widerspruch in sich. Aber ich mag Widersprüche.

Eckstraße
Aus welcher Ecke kommen Sie?
Ich bin in Paris geboren, in Münster aufgewachsen, hab in Berlin studiert, dann in Rom und Paris, wo ich auch gearbeitet habe. Später München und Leipzig. Von daher ist diese Frage, aus welcher Ecke ich komme, schwierig für mich zu beantworten. Ich fühle mich auch nicht als Deutscher, auch nicht als Franzose. Vielleicht am stärksten als Münsteraner mit französischem Hintergrund. Ich kann mit pauschalen Zuschreibungen nichts anfangen.

Schloßviertel
Haben Sie eigentlich Bammel vor der vor Ihnen liegenden Aufgabe? Sie führen ja nicht nur die Kunstsammlungen am Theaterplatz, sondern eben auch das Gunzenhauser, die Villa Esche und das Schloßbergmuseum.
Ich habe da schon großen Respekt vor. Es sind verschiedene Sparten, verschiedene Teams, was ich alles erst noch kennen lernen muss. Ich habe schon mit einigen Kollegen gesprochen und freue mich drauf. Ich möchte da insgesamt mehr Offenheit, mehr Transparenz reinbringen. Mein Fokus wird vor allem auf der bildenden und auf der angewandten Kunst liegen, aber auch die stadtgeschichtliche Thematik, die im Schloßbergmuseum angesiedelt ist, birgt für mich enorme Potentiale in den Bereichen Urbanität, Architektur, Stadtplanung und Erinnerungskultur. Die Brüche des 20. Jahrhunderts spürt man in Chemnitz an jeder Ecke. Das treibt mich gerade um: Wie geht man mit den Brüchen des 20. Jahrhunderts um, wie mit den utopischen Potenzialen des Sozialismus, die nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus natürlich auch viel Zerstörung mit sich gebracht haben? Wie kann die Ostmoderne stärker in den Fokus gerückt werden? Und wie gehen wir nach 1990 mit der schrumpfenden, postsozialistischen Stadt um? Das alles ist enorm spannend und bietet Gesprächspotential mit der gesamten Stadtgesellschaft. Und dabei darf nicht aus dem Blickfeld rücken, dass Chemnitz natürlich eine sehr viel ältere Kultur und Geschichte hat als Karl-Marx-Stadt. Aber beides gehört zusammen.

Hechlerstraße
Was ist eine erfolgreiche Ausstellung?
Da gibt es verschiedene Kriterien. Wenn sie mit den Menschen etwas macht, wenn sie zu ästhetischen und intellektuellen Erfahrungen führt, sie zum Nachdenken, zum Dialog anregt, ist sie erfolgreich. Aber natürlich misst es sich auch an Besucherzahlen. Wenn ich viele Besucher habe, dann ist es eben auch erfolgreich.

So langsam biegen wir wieder Richtung Kaßberg ein und ziehen die Barbarossastraße hoch. Auch nach dem Ausstieg diskutieren wir weiter, Frédéric Bußmann erzählt noch von Ideen und Wünschen, und dann kommt noch so ein spezieller Moment. Gabi Reinhardt fragt nach der „Urszene“, also dem Moment, an dem unserem Gesprächspartner klar wurde: DAS ist es. Er erzählt vom Sommer 1993, von einem Schülerjob als Aufpasser im deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig, den sein Vater als Kommisar betreut hatte. Der Konzeptkünstler Hans Haacke hatte darin das Werk „Bodenlos/Germania“ installiert. Haacke hatte den Marmorboden herausbrechen lassen, übrig blieben Trümmer, auf denen sich die Besucher wacklig und unsicher bewegten. Vier Wochen lang steht Bußmann jeden Tag hier und beobachtet Menschen.
„Es war sehr spannend, die verschiedenen Reaktionen zu sehen. Dieser Raum hat bei den Menschen extrem viel ausgelöst. Manche waren wütend, haben herumgeschrien und Steine auf den Boden geschmissen. Andere waren ganz still. Ich erinnere mich an einen Besucher, der jeden Tag kam und eine Stunde in diesem Werk stand und nichts gesagt hat. Da habe ich gemerkt: Kunst ist existenziell und kann extrem viel bewegen. Kunst ist eben kein bildungsbürgerliches Beiwerk, sie ist lebenswichtig. … Jetzt bin ich ganz schön pathetisch geworden, oder?“
Ja, aber es stimmt.
Mittlerweile stehen wir vor seiner Haustür, wir bedanken uns für das Gespräch und schießen ein letztes Foto, da fällt  Frédéric Bußmann noch etwas zum Thema Regeln ein. „Eine Regel, die ich so schnell wie möglich abschaffen will, ist das Fotografierverbot im Museum. Das hat nun wirklich nichts mit dem 21. Jahrhundert zu tun.“

Protokoll und Fotos: Lars Neuenfeld

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