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Jan sinniert über Worte

Die Weisheit eines Porphyr-Reliefs

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An einem Frühlingstag in Chemnitz, der Autoverkehr brummt, die Straßenbahn rumpelt vorbei, warten Menschen an einer Ampel. Wir befinden uns an der Ecke Augustusburgerstraße/ Zietenstraße, einem Verkehrsknotenpunkt von Chemnitz. Hier, inmitten des Verkehrstrubels, findet sich unverhofft eine Oase der Ruhe, eine Stätte der Besinnung. Der überdachte Eingangsbereich eines ehemaligen Bankgebäudes, dem heutigen Club „Nikola Tesla“, beherbergt zwei verglaste Kabinen, in denen sich gestresste Autofahrer aber auch Fußgänger erholen können. „Raststätten für die Seele“ nennen Mobilitätsexperten solche Rückzugsmöglichkeiten im öffentlichen Raum. Die Telefonzellen ähnelnden Räume, bieten sich als Orte des Verweilens und der Ruhefindung an. Selbst ein stilles Gebet ist hier möglich. Erfrischt und regeneriert kann man sich nach einem Kabinenbesuch dem, ebenfalls im Eingangsbereich befindlichen, Wandrelief widmen. Das könnte allerdings ein Fehler sein, denn in Porphyr gemeißelt ist hier zu lesen:

Beharrlich sparen
hilft stets weiter,
dem Bauern, Kopf- und Landarbeiter.
Aus Groschen wird
vereinte Kraft,
die Arbeit gibt
und Werte schafft.

Nullzinsen, Austeritätspolitik, Finanzkrise, Rentendebatte - sofort werden diese Begriffe durch das Hirn des Betrachters schwirren. Muss es denn schon wieder ums Geld gehen? Der Erholungseffekt wird dahin sein. Der Autofahrer hechtet wieder in den Verkehr und der Fußgänger taumelt in den nahegelegenen, psychedelischen Funpark “ Bunte Gärten“.

Text: Jan Kummer


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