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Bericht eines Neubierigen

Neues Bier wie wir von hier

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Ich bin prinzipiell ein neugieriger Mensch. Das ist für meinen Job ganz praktisch. Außerdem mag ich gute Werbung. Vor allem solche, die mich neugierig macht.

Als ich vor zwei Wochen durch die Stadt fuhr, fielen mir deshalb sofort diese coolen Digitalgroßplakate auf. Neben Werbung mag ich nämlich auch Wortspiele total. „Marxste was Neues?“ - Hammer! Darunter eine Website: Was-Ist-Marx.de. Will ich natürlich wissen und klicker das gleich an der Ampel stehend ins Handy. Mist, wieder nur lauer Empfang, und dass mitten in der Innenstadt. Ich kritzel mir mit Kulli MARX auf den Handrücken und so gelingt es mir, diesen Gedanke bis ins Büro bei mir zu halten. Jetzt fix die Seite aufgerufen. Ich erfahre, dass es sich um eine neue Biermarke handelt. Wie geil ist das denn? Neben Werbung und Wortspielen liebe ich nämlich am allermeisten: Bier.

Die Seite verrät mir, dass „MARX Städter ein handgemachtes, ehrlich gebrautes Bier“ sei, „das seine Wurzeln hier „Wie wir!“ in Chemnitz hat. Oh. Das Bier wie wir. Kenn ich leider schon, war mal eine Werbespruch von Braustolz. Fand ich damals schon doof, weil ich nicht wie Bier sein will. Aber egal. Weiter steht da: „Ein „neues“ Chemnitzer Bier, das sich aufmacht, ein Stück herausgebrochenen Brauerei-Stolz wieder einzupflanzen und zu neuer blumig-frischer Hopfenblüte zu führen.“ Huuh. Poesie. Und schon wieder der dezente Hinweis auf Braustolz. Bekanntlich hat der Mutterkonzern der Chemnitzer Marke im letzten Jahr die hiesige Produktion eingestellt und lässt nun in Plauen brauen. Sollten sich hinter Marx vielleicht abtrünnige Braustolz-Rebellen verbergen? Muss ich natürlich wissen. Das Impressum der Seite verrät das nicht, aber es gibt eine Adresse und die ist nur wenige Minuten entfernt. Fahr ich doch mal hin.

An der Adresse angekommen, klingel ich einfach mal. Eine nette Frau öffnet mir, ich stelle mich vor und sie sich auch. Die Geschäftsführerin, das passt ja. Doch dann werde ich stutzig. Hier riecht es nicht nach Bier, nicht nach Brauerei. Überall stehen Kästen mit MARX Bier, auch leere Fässer (Marx wird nämlich auch als Fassbier angeboten), aber einen Braukessel gibt es nicht. Da fallen meine Blicke auf zahlreiche leere Kästen Klaußner-Pils. Ich bin ein Auskenner. Ich weiß, dass Klaußner Pils in Einsiedel gebraut wird. Stecken etwa die Brauer aus dem erzgebirgischen Teil der Stadt hinter MARX? Alles nur ein Marketing-Coup? Ich wittere einen Scoup! Ich frage die Geschäftsführerin, wer hinter MARX steckt. Sie, sagt sie. Das wollen wir doch mal sehen.

Zurück im Büro ziehe ich mir einen Handelsregisterauszug der MARX Chemnitzer Bier GmbH. Und siehe da: keine Einsiedler, keine Braustolz-Rebellen – tatsächlich ist die nette Geschäftsführerin auch Mitinhaberin, neben einem Tankstellenpächter, der früher mal meine Stammkneipe führte (supernett), einem Kulturhauschef (netter Mann), drei Werbeagenturleuten (einen kenn ich, auch nett) und einem Mann, dessen Name mir gar nichts sagt, der laut LinkedIn aber auch fern irgendwelcher Einsiedel-Connections ist. Wahrscheinlich wird MARX einfach nur als sogenannte Lohnabfüllung in Einsiedel gebraut.

Also kein Scoup. Es geht nur um Bier. Wie gesagt, ich mag Bier. Die Geschäftsführerin hat mir eine Flasche MARX zum Kosten mitgegeben. Hab eh grad Durst, also plopp. Hmmm, ja, nett. Angenehm hopfig, wenig aufdringlich, sehr süffig. Sehr schnell alle. Am Abend dann der Test. Ich erzähle von MARX an einem Chemnitzer Tresen, also am Kneipe des Jahres-Tresen (laut 371-Leserpoll). Auch der Wirt hat MARX schon verköstigt und ist regelrecht begeistert. Ich glaube, ich werde dieses Bier jetzt öfter trinken.

Bericht: Lars Neuenfeld

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