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Extrem daneben

One Step Ahead und der Landesverfassungsschutz

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One Step Ahead und der Landesverfassungsschutz

Du fährst auf dem Beifahrersitz im Auto mit und bist im Inbegriff einen Schluck Kaffee aus deinem Becher zu trinken. Plötzlich bremst der Fahrer und die kochend heiße Flüssigkeit landet auf deinem Gesicht. So muss das gewesen sein als Gunnar, Robert und Sven zufällig gelesen haben, dass ihre Band One Step Ahead vom sächsischen Verfassungsschutz offiziell als linksextremistisch eingestuft wird. In dem Zusammenhang taucht jetzt auch das Konzert „Wir sind mehr“ auf.

Am 14. Mai brachte das Landesamt für Verfassungsschutz seinen Jahresbericht über extremistische Entwicklungen in Sachsen heraus. Diesmal besonders im Fokus ist die linke Szene. Sie sei gesellschaftsfähiger als das rechte Milieu und damit eine Gefahr für Demokratie und Rechtsstaat, die unterschätzt wäre. Im Bericht des LfV dabei: One Step Ahead.

Der heiße Kaffee läuft ihnen schon seit letztem Jahr über‘s Gesicht, denn seitdem versuchte das LfV Konzerte der selbst ernannten „Antifascist Action Band“ zu verhindern: Veranstaltern wurde nachdrücklich geraten, die Jungs lieber auszuladen. Erst vor einigen Wochen stand wieder ein Konzert auf der Kippe. Der Veranstalter sah allerdings nicht davon ab, die drei Musiker im Jugendhaus Roßwein aufzutreten zu lassen. Und damit soll er sich selbst in den Fokus des Verfassungsschutzes gerückt haben. Aber nicht vor jedem Konzert landen Anschuldigungen des LfV im Briefkasten: „In anderen Bundesländern hat man uns noch nie Linksextremismus vorgeworfen“, erklären Gunnar, Robert und Sven.
Linksextremistisches Indiz sei z.B. das Logo der Gruppe aus Limbach-Oberfrohna. Darauf ist eine Frau mit übergezogener Sturmmaske zu sehen, außerdem das Symbol der Antifaschistischen Aktion. Ein Dorn im Auge des LfV. Die beiden Sänger Gunnar und Robert singen dann auch noch „Ich spucke dir ins Gesicht“ oder „lasst uns ihre braune Scheiße zerstampfen“ in ihren Liedern. Da schwitzt der Verfassungsschutz: Es sei eine offene Androhung von Gewalt gegen politische Gegner. Für One Step Ahead absurd: „Ihre Anschuldigung beruht damals wie heute auf unserem Logo und Texten, die offenbar nach Lust und Laune interpretiert wurden“. Außerdem geht es in ihren Texten noch um viel mehr als Antifaschismus: um Sexismus, Antisemitismus und Homophobie.

Auf ihrer Facebook-Seite posteten sie den Ausruf „Alerta, Alerta, Antifascista!“, genau wie Feine Sahne Fischfilet es auf dem „Wir sind mehr“-Konzert in Chemnitz gerufen hatte. Das LfV wertet diese Worte (zu deutsch: Alarm, Alarm, Antifaschisten!) als Schlachtruf von Linksextremisten. Dass  FSF-Sänger Jan Gorkow das Publikum erfolgreich animiert hatte, diesen Ausruf gemeinschaftlich zu tätigen, war einer der Gründe, warum das Konzert vom 3. September ebenfalls im aktuellen Sächsischen Verfassungsschutzbericht in der Kategorie Linksextremismus gelandet ist. Ein anderer Grund war, dass „Nazis raus“ skandiert wurde. Das Konzert, das als Antwort auf Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Gewalt veranstaltet wurde und an dem mehr als 65.000 Menschen teilnahmen, ist nach Auffassung des LfV exemplarisch dafür, wie weit Linksextremismus Anschluss an  nichtextremistische Kreise finden könne. Diese Einschätzung führte zu einem Aufschrei in der überregionalen Presse- und Politlandschaft.

Die Jungs von One Step Ahead sind sicher antifaschistisch, lehnen Linksextremismus aber generell ab: „Antifaschismus ist kein sogenannter Linksextremismus. Gerade in Deutschland sollten alle wissen, wo Faschismus hinführt. Und wer diese Zeiten nicht wiederhaben möchte, ist Antifaschist. Ein einfaches ‚Nazis raus‘ reicht, um als Linksextremist zu zählen“. Die Einstufung ist für OSA ein Versuch, gezielt Gruppen zu isolieren. Privat geraten Gunnar, Robert und Sven deswegen auch immer häufiger unter Rechtfertigungsdruck – vor Kollegen, Freunden, ja sogar vor dem Arbeitgeber. Aber vor dem Verfassungsschutz konnten sie sich bisher nicht erklären und gegen die Beobachtung wehren: „Dem LfV stehen Maßnahmen der Brief- Post- und Telekommunikationsüberwachung zur Verfügung. So was steht natürlich immer im Raum und sorgt für das massive Gefühl, überwacht zu werden – ob die persönliche Überwachung nun stattfindet oder nicht“. Gunnar, Robert und Sven haben die über sie gesammelten Daten beim Verfassungsschutz angefragt – eine Rückmeldung kam noch nicht. Auf Grundlage dieser Unterlagen wollen sie versuchen, gegen das LfV vorzugehen. Am Ende könnte aber nur One Step Ahead von der Liste gestrichen werden. Was ist dann mit den restlichen Bands? Der Band ist es deswegen wichtig, sich mit den anderen vom Verfassungsschutz als linksextrem Gelisteten solidarisch zu zeigen, „statt sie Stück für Stück – wie vom LfV erwünscht – zu isolieren“.
Die Limbach-Oberfrohnaer waren häufig selbst Opfer rechter Übergriffe. Ein Brandanschlag auf die Räume des Vereins Soziale und Politische Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna e.V., der von Bandmitglied Robert mitgegründet wurde, machte im November 2010 überregional Schlagzeilen. Der Verein macht sich seit 2007 gegen Rechtsextremismus und für eine demokratische Kultur stark. „Wir hatten immer mit solchen Projekten zu tun. Aber am Ende bekommt man den Stempel ‚linksextrem‘. Das ist wie ein Kampf gegen Windmühlen“. Kleinkriegen lassen sie sich trotzdem nicht. Mit ihrer Musik wollen One Step Ahead ein Zeichen gegen rechts setzen: „Wenn die Leute uns hören, sollen sie wissen, dass es noch Menschen gibt, die diese provinziellen Zustände nicht einfach so hinnehmen. Wir wollen zeigen, dass da auch noch engagierte, tolerante Menschen sind – um denen Mut zu machen, die tagtäglich daran arbeiten, diese Welt aufgeschlossener und bunter zu machen“.

Text: Katka Schade Foto: OSA

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