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Das Gemüseturm-Leuchtturm-Projekt

Pilotanlage urbaner Nahrungsmittelproduktion

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Pilotanlage urbaner Nahrungsmittelproduktion

Auf dem Sonnenberg wagt das Karree49 viele gesellschaftliche Experimente mit einem Hausprojekt. Neben dem sozialen Engagement steht bald eine Pilotanlage urbaner Nahrungsmittelproduktion.

Es kann passieren, dass wir von unserer Gegenwart als der Zukunft, die wir uns als Kind vorgestellt haben, eher mäßig überrascht sind – etwa wenn man über Dieselmotoren diskutiert, statt über Dachparkplätze für fliegende Autos. Und dann wieder baut plötzlich jemand in einen unscheinbaren Sonnenberger Altbau einen Glasturm ein, der Fischzucht und Gemüseanbau ins Wohnquartier holt, als wäre es schon 2049.

Das nach seinem Standort „Karree49“ getaufte Projekt will ein großer Wurf werden und vereint viele Ideen eines zukunftsorientierten Stadtlebens miteinander. Sozial, ökologisch, urban. Rund um sein architektonischen Herzstück – dem Glasturm für die Aquaponik – sollen auf über 1000 Quadratmetern Wohnungen auch für Menschen in Not entstehen, ein Hofladen, Gastronomie und Arbeitsräume. Das Karree49 will ebenso ein Ort fürs Lernen wie Arbeiten sein. Dazu kommen die Aktivitäten, die am Standort sowieso schon etabliert sind: Ein Urban Farming Projekt mit Hühnern, Bienenhaltung und der Sozialpädagogische Betreuungsdienst Delphin. Aus diesem Dienst heraus ist auch die Delphin Projekte gGmbH entstanden, die das Aquaponik-Projekt betreiben will. Die Delphin Projekte sieht sich als Bindeglied zwischen staatlichem Sozialsystem und kleinteiligen Hilfsangeboten. Sie kümmert sich etwa um Schüler, die aus dem Bildungssystem gefallen sind oder Menschen, die es auf dem Jobmarkt aus verschiedenen Gründen schwer haben.

Die Fische vom Berg
Nun ist die Idee, das alles mit einer Pilotanalage für städtische Nahrungsmittelproduktion zu verbinden, nicht unbedingt naheliegend. Die entsprang mehr oder weniger den Umständen, und im Rahmen der Umstände zu arbeiten ist schließlich das Tagesgeschäft von Delphingründerin Angelika Scheuerl und ihrem Team. Man habe überlegt, wie man das Eckhaus Peterstraße 28, das neben dem aktuellen Sitz des Betreuungsdienstes steht, sinnvoll nutzen könne. Wohnraum gebe es auf dem Sonnenberg genug, doch bei der Begehung fiel das große turmartige Loch mitten im Haus auf, das durch eine Hausschwammsanierung und Gebäudesicherung entstanden war. Und irgendwer sagte, warum nicht Etagenanbau betreiben?

Also machten sich die späteren Projektgründer an die Recherche und stießen auf das Konzept der Aquaponik. Das wurde Mitte der 1980er Jahre entwickelt und beschreibt ein Kreislaufsystem, in dem das mit Nährstoffen angereicherte Wasser einer Fischzucht zum Düngen von Gemüse genutzt wird und dabei mit minimalem Eintrag von Wasser auskommt. Es gibt bereits weltweit einige Testanlagen und Forschungsprojekte, aber in Deutschland wäre der Chemnitzer Turm in seiner Größe einzigartig. Über alle Etagen des Hauses soll er sich im Hinterhof erstrecken und ganzjährig mit geringem Ressourcenaufwand, ohne Transport der Erträge Nahrungsmittel vor Ort liefern. Es sei ihnen klar, erklärt Angelika Scheuerl, dass eine städtische Nahrungsmittelproduktion in der Chemnitzer Region nicht unbedingt nötig sei. Aber hier habe man den Platz für solche Experimente, von denen später global profitiert werden könne. Außerdem könnte das Projekt Fragen beantworten, wie Deutschland seinen steigenden Fischkonsum ohne Importe und die Belastung natürlicher Ressourcen gestaltet. Ein Thema, das immerhin vor vier Jahren einen Nationalen Strategieplan Aquakultur der deutschen Agrarminister hervorbrachte.

Zurzeit laufen im Karree die Bauarbeiten. Das Haus wird entkernt und saniert, bis 2020 soll alles fertig sein. In etwa einem Jahr soll die Aquaponikanlage eingebaut werden, mit Pumpen, Rohren, Fischtanks. Während die Sanierung des Hauses gesichert und im Gange ist, sucht Delphin Projekte allerdings noch nach Partnern für die Technik. Sowohl finanziell als auch mit Know-how für die technische Umsetzung. Ab Oktober wird sich ein/e Projektmanager/in darum kümmern. Am Ende soll sich die Refinanzierung des Hauses, das als prägendes Eckhaus teils auch mit Fördermitteln aus dem Stadtumbau Ost gefördert wird, über die Mieten selbst tragen. Dabei muss die Mischung stimmen, sagt Angelika Scheuerl. Denn nicht nur soziale Notfälle sollen hier ein zu Hause finden, sondern auch Familien und junge Menschen, die für ein Miteinander im Viertel zu begeistern sind. Es gebe sogar jetzt schon erste Anfragen künftiger Mieter, die teils auch ehrenamtlich im Aquaponikprojekt mitarbeiten wollen. Vielleicht kein schlechtes Zeichen für die Strahlkraft dieses Vorhabens auf dem Sonnenberg.

Text/Foto: Michael Chlebusch

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