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Sachsen bashen Sachsen

Das 371 liebt Shitstürme

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Sachsenbashing

Das 371 liebt Shitstürme. Wir suhlen uns nur zu gern in den schlecht formulierten Dummheiten samt unverhohlener Gewaltandrohungen, die uns via Facebook, Mail und Briefpost ins Haus flattern. Deshalb haben wir unsere gehässigsten und gemeinsten Redaktionsmitglieder gebeten, ihren ganzen Sachsenhass hier reinzulegen. Also Sachsen: Nimm das!

Dresden, wir haben ein Problem: Die Sachsen sind die Texaner Deutschlands. Komischer Südstaatenakzent, heimliche Vorliebe für Waffen, eine weitgehend rechtskonservative Weltsicht, keine Cowboy-, dafür aber deutschlandfarbene Anglerhüte, und ein gewisser Hang zur Wüsten-Farbe Beige. Überhaupt die Farbe Beige: Früher war das die Wohlfühl-Uniform für alle über Sechzig, heute steht sie für Wutbürgertum, für auf Montagsdemos in Lügenpresse-Mikros gebrabbelte Dummheiten, für selbstmitleidige Jammerossis.

Wenn die Sachsen eine Sachsen-Sache gut können, dann ist es Selbstmitleid. Sachsen ist — wie Texas — eine Wüste. Eine Wüste der Empathie, denn Empathie empfindet man hier vor allem für sich selbst. Deshalb wird in Dresden am 13. Februar stets der Bombardierung gedacht, während man für andere, „fremde“ Menschen, die vor Bomben fliehen mussten, nicht ganz so viel Verständnis hat. Stattdessen solidarisieren sich die Sachsen mit sich selbst, mit ihrer tragischen Fluthistorie und anderen Katastrophen wie z.B. des Kaisers Statement gegen Pegida oder der Parkplatzknappheit in Chemnitz. Die Sachsen drehen sich um sich selbst, wie sonst nur die Bayern: Früher Königreich, heute Freistaat, beides starke Wirtschaftsstandorte, beide nachtschwarz, also parteientechnisch, und mit komischen Volksfesten — in Bayern das Oktoberfest, hier der Tag der Sachsen, der Name ist schon schlimm.

„Wir hatten ja nüscht“, sagt man gern über früher, die Zeiten, in denen man in der DDR-Mangelwirtschaft nach Südfrüchten anstehen musste. „Wir ham ja nüscht“, sagen einige Sachsen über heute, der Zeit von 50-Zoll Flatscreen-Fernsehern und 2398 Sorten Jogurt im Supermarktregal, der Zeit von 500 billig produzierten Fünf-Euro-Shirts an der Kleiderstange.

Es ist das Lieblingsleid des Jammersachsens; er hat nichts, die Flüchtlinge haben alles, Handys zum Beispiel. Rechte Rattenfänger schüren Sozialneid auf Menschen mit zerbombten Heimaten, niedergebrannten Häusern, lebenslangen Traumata. Wie so vieles im Leben ist auch Armut relativ, und der Standard in Deutschland ist relativ hoch — vor allem im Vergleich zu anderen Ländern. Dafür reicht es schon aus, mal nach Südosteuropa zu gucken. Sicher ist es richtig, dass nach der Wende vieles schief lief, dass Betriebe abgewickelt wurden, dass Arbeitsplätze verloren gingen und damit Identifikation, dass es nach wie vor eine ungerechte Ungleichheit zwischen Ost- und Westlöhnen gibt. In Sachsen liegt die Arbeitslosenquote aktuell bei 5,6 Prozent, Stand September 2018, die Sachsen sind also so wenig arbeitslos wie noch nie. Sachsen ist Wirtschaftsstandort, Sachsen hat Automobilindustrie, Sachsen hat die Elbe und die Sächsische Schweiz, Sachsen hat sogar Leipzig, die coolste Stadt aller Zeiten. Und trotzdem sind die Sachsen nicht zufrieden: Platz 17 von 19 im bundesdeutschen Glücksatlas, immerhin noch vor Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Statt an der Elbe zu sitzen und Wein zu trinken und das Leben zu genießen, laufen sie mit grimmigen Gesichtern und verbitterten Mienen durch die Straßen, den Blick verschlossen nach unten gerichtet, als warteten sie nur darauf, endlich über die nächste Empörungsschwelle zu stolpern zu können. Liebe Sachsen: Es wird Zeit, die Altlasten loszulassen. Die Welt verändert sich und sie wird es immer tun — kommt endlich klar damit.

 

Text: Johanna Eisner

Noch mehr Sachsenbashing? Hier die Bashs von Nina und Michael.

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