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„Wir geben hier überhaupt nichts auf!“

Nach der Stadtfestabsage

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Die Absage des diesjährigen Stadtfests sorgt für viel Diskussion in Chemnitz. Lars Neuenfeld sprach mit Sören Uhle, Geschäftsführer der CWE über Gründe und Zukunftspläne.

Die Absage des diesjährigen Stadtfests sorgt für viel Diskussion in Chemnitz. Lars Neuenfeld sprach mit Sören Uhle, Geschäftsführer der CWE (Chemnitzer Wirtschaftsförderung- und Entwicklungsgesellschaft mbH), einer 100%igen Tochtergesellschaft der Stadt Chemnitz, über Gründe und Zukunftspläne.

Lieber Sören Uhle, die von Ihnen verkündete Stadtfestabsage schlägt hohe Wellen. Haben Sie das erwartet? Wie gehen Sie damit um?
Es überrascht mich nicht. Was soll denn sonst passieren, wenn man ein gut eingeführtes Veranstaltungsformat absagt? Das geht nicht spurlos an der Öffentlichkeit vorbei. Ich halte es aber für eine geordnete Diskussion. Wir haben da in den letzten Monaten auch andere Erfahrungen gemacht.

Dass es schwer werden könnte für ein neues Stadtfest, war ja schon Ende letzten Jahres absehbar. Warum fiel die Entscheidung erst jetzt?
Im September war ein wohl überlegte Entscheidung vor dem Hintergrund der Frische der Ereignisse nicht realistisch. Die Tatsachen, die damals zum vorzeitigen Abbruch führten, haben sich zwar nicht geändert, wohl aber die Interpretation. Es war ein Entscheidungsprozess, in dem unsere Partner, also Schausteller, Sponsoren, Unterstützern und Konzessionsnehmer, eingebunden waren.

Selbst der Chef vom Schaustellerverband Klaus Illgen hat dafür Verständnis geäußert?
Die Schausteller hätten das Stadtfest gern weitergeführt, aber sie bringen auch Verständnis für unsere Situation auf, was ich ihnen hoch anrechne. Wir haben als CWE natürlich auch eine Verantwortung denen gegenüber, wie für alle Unternehmen in dieser Stadt. Wir schauen, wie wir die Lücke, die sich bei diesen Unternehmen auftut, auch perspektivisch wieder schließen können.

Können Sie die Absagegründe noch einmal nennen?
Da gibt es zwei Dimensionen. Die eine ist Machbarkeit. Im rechtlichen Sinne habe ich die Veranstaltung im letzten Jahr abgebrochen, weil ich für die Sicherheit der Beteiligten nicht mehr garantieren konnte. Sicher wären in diesem Jahr Polizei und Sicherheitsdienst sehr viel stärker präsent gewesen. Das wären aber auch die Bilder dieses Stadtfests geworden, Bilder von Polizei und Sicherheitskräften an jeder Ecke. Da muss ich mich fragen, ob ich diese Bilder haben will.
Die zweite Dimension ist die wirtschaftliche, die viel dramatischer ist. Wir beobachten schon seit einigen Jahren eine schleichende Erosion was Publikumszuspruch und Verzehrumsatz anbelangt. Kurz gesagt, dass Stadtfest lief wirtschaftlich gerade so, da war kein Puffer mehr. Nun standen wir vor der Situation, dass der Sicherheitsaspekt deutlich mehr Geld kosten wird und auf der anderen Seite die Einnahmen möglicherweise weiter sinken, weil trotzdem weniger Besucher kommen und sich unter den aktuellen Gegebenheiten auch keine neuen Sponsoren akquirieren lassen. Und damit funktioniert schlicht das Geschäftsmodell Stadtfest nicht mehr.

Ist das Stadtfest bezuschusst worden?
Ja. Die Veranstaltungsagentur erhält als Konzessionsnehmer ein Konzessionsentgelt, womit das Stadtfest durchgeführt wird. Sie trägt dafür auch ein wirtschaftliches Risiko.

Das hätte bei einer neuen Agentur wohl auch deutlich höher sein müssen.
Wir haben aus gerade genannten Gründen gar keine neue Veranstaltungsagentur gesucht. Wir sind weit davon entfernt, dass dieses Stadtfest ohne Zuschüsse wirtschaftlich gewesen wäre. Das Geschäftsmodell Stadtfest ist schlicht nicht attraktiv genug, als dass es den Markt stimuliert hätte. Vor diesem wirtschaftlich nicht gerade rosigen Hintergrund war für uns das Stadtfest aber immer ein Stadtmarketing-Thema. Ein Fest, das zeigt, dass diese Stadt bunt ist, sich selbst feiert und eine gewisse Unbekümmertheit hat. „Einfach feiern“ war ja das Motto. Das passt nun alles nicht mehr, das wird zynisch.

Wurde eine Terminverschiebung als Variante besprochen?
Natürlich. Aber ein Teil der Tradition ist eben auch der Termin, das letzte Augustwochenende. Der fehlt dann schon mal. Ein anderer Teil ist das oben beschriebene „einfach feiern“, was auch nicht mehr funktioniert. Und dann ist man mittendrin in dem Thema, etwas Neues aufzubauen, was wir ja gerade machen. Deshalb sage ich auch: Wir geben hier überhaupt nichts auf. Wir haben das Heft des Handelns in der Hand und sind aktiv. Für uns ist jetzt die Zeit für etwas Neues gekommen.

Zuletzt hieß es, die CWE würde gemeinsam mit der C3 und den Theatern Chemnitz ein neues Format entwickeln. Ist das so?
Ja, aber das ist eine beispielhafte Aufzählung und kein geschlossener Club. Ich betrachte das eher als eine Art Kern, welcher die Basis schafft, etwas zu organisieren. Dann kommt es auf die Veredelung an und hier kommt die Chemnitzer Kulturgemeinschaft ins Spiel.

Ein Vorwurf lautet, dass nun genau jenes bodenständige Für-Jeden-Was-Festival begraben wird, das alle Bevölkerungsschichten zusammenbringen kann. Wird ein neues Format diesen Aspekt berücksichtigen wollen?
Über das Format Stadtfest wurde in den vergangenen Jahren oft geschimpft. Wenn Stadtfest ist, verlasse ich die Stadt, haben einige zugespitzt formuliert. Diese Diskussionen sind wie weggeblasen. Jetzt tun alle so, als hätten wir ihnen etwas weggenommen. Ich glaube schon, dass neue Formate die so genannte Mitte der Gesellschaft erreichen müssen. Die Wege dahin sind sehr unterschiedlich, denn es gibt auch einen Gegentrend und der meint eher eine Zielgruppenzuspitzung. Das ist das Spannungsverhältnis. Die CWE hat in den letzten Jahren eine gute Vernetzung mit der Kulturszene hinbekommen. Wir wollen hier möglichst viele integrieren und über deren individuelle Ansprache die Gesamtheit der Bevölkerung erreichen. Letztendlich wusste doch keiner mehr, für wen konkret das Stadtfest eigentlich gemacht wurde. Da können wir jetzt eine klarere Ansprache finden.

Letzte Frage: Ich stelle mir vor, dass eine für die Stadtgesellschaft so relevante Entscheidung von der Oberbürgermeisterin verkündet wird, rechts und links flankiert vom Ordnungs- und vom Kulturbürgermeister, daneben einige Stadträte, die Polizeipräsidentin und der Chef vom Schaustellerverband. Warum hat man Sie allein an diese Front geschickt?
Wenn man ein solches Podium so besetzt, ist diese Bekanntgabe von vornherein mit großer Bedeutung aufgeladen. Man sollte das aber auch mal ein bisschen runterkühlen. Es ging um eine Veranstaltungsreihe, die aus guten Gründen nicht mehr fortgeführt wird. Der Chemnitzer Sommer ist mittlerweile vollgepackt mit Events für alle möglichen Zielgruppen und das Stadtfest war eines davon. Wir machen diesbezüglich jetzt einen Break und denken über neue Formate nach. Wie gesagt: Wir geben hier gar nichts auf.

Vielen Dank für das Gespräch.

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