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Szymmi blickt zurück mit Harald Szymanski

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Szymmi blickt zurück mit Harald Szymanski

Beginnen wir am Anfang. Wann war Ihr erster Arbeitstag im VEB Spinnereimaschinenbau und haben Sie sich verlaufen?
Nein. Der erste richtige Arbeitstag war 1972. Von 1965 bis 1968 absolvierte ich eine Berufsausbildung mit Abitur im Spinnereimaschinenbau und danach studierte ich für vier Jahre. Ich kannte mich ganz gut auf dem Gelände aus. Geht man durch das große Tor durch, war rechts unter der Überdachung der Pförtner und links die Lehrwerkstatt für die Dreherei und der Eingang zum Betriebskonsum. Der Komplex auf der linken Seite streckte sich noch weiter nach hinten. In den Räumen habe ich dann ab 1972 gearbeitet. Die Technologen saßen im Erdgeschoss. Im Stockwerk darüber die Konstrukteure.

Es gab einen eigenen Betriebskonsum? Wer hat denn dort eingekauft und wann?
Na alle, die dort gearbeitet haben. Wenn es Ketchup gab, standen alle an und keiner hat mehr gearbeitet.

Während der Arbeitszeit einkaufen?
Ob die Leute, die an Maschinen standen, weg konnten, weiß ich nicht. Normalerweise durfte man nur in den Pausen einkaufen. Aber wie gesagt, manchmal hatte es den Anschein, als ob alle weg waren.

Im Hauptbetrieb haben ca. 1500 Leute gearbeitet, dazu kamen die zwei Zweigbetriebe, an der Fritz-Große-Straße und der Paul-Gruner-Straße. Wie sah bei Ihnen ein typischer Arbeitstag aus und was waren Ihre Aufgaben?
Zur Arbeit bin ich oft mit der Linie 5 gefahren. In der Straßenbahn stand man oft so dicht aneinander gequetscht wie Ölsardinen. An der Annaberger Straße gab es ja noch viele andere Betriebe, wie den Wirkmaschinenbau, Malimo und weiter draußen noch Modul.
Also eine ganze Menge.

Und wenn man einmal auf dem Gelände war?
Dann gab es ein Treffen an der Stechuhr. Es gab [>>]mehrere Stechuhren für die unterschiedlichen Abteilungen auf dem ganzen Gelände. Unsere war gleich beim Pförtner. Der Tag war dann halbe, halbe aufgeteilt. Man saß genauso im Büro wie man in den Werkhallen nachgeschaut hat, ob das, was man sich ausgedacht hat, auch funktioniert.  Am Tag mindestens drei Stunden. Am Anfang bin ich mit einem Dienstfahrrad unterwegs gewesen. Später bin ich lieber gelaufen. Da war man länger unterwegs zwischen Büro und Werkhalle. Auf dem Weg gab es auch Geschäfte, wo du mal eine Pause gemacht und geschaut hat. Manchmal ist man auch am Fleischer vorbei und brachte warmen Wiegebraten mit, wenn es zum Beispiel Geburtstagsrunden gab.

Aber Essen konnte man doch auch in dem großen Speisesaal, an dessen Decke die gleichen Lampen hingen wie im Palast der Republik. Ist einem sowas aufgefallen, genauso wie das Gemälde im Treppenaufgang?
Schon, aber das war halt so. Da habe ich nicht viel darüber nachgedacht. Das war sicherlich große Auftragskunst. Und ja, der Saal war immer voll. Gegenüber der Bühne war die Essensausgabe und daneben eine kleine Milchbar, wo es Brötchen und Milchshakes gab.
Man musste auch nie lange anstehen. Naja, es sei denn, es gab Flecke. Die Fleckenessensmarken waren immer ausverkauft.

Habt ihr gegen Ende der DDR in der Produktion gemerkt, dass es irgendwie nicht funktioniert?
Ja, natürlich. Bestimmte Teile für Maschinen konnte man nicht herstellen, die musste man einkaufen. Viele Gummiteile haben wir aus Irland bezogen. Die Leistungsfähigkeit vieler Werkzeuge ließ zu wünschen übrig und viele Sachen hat man einfach nicht bekommen oder nur auf Zuteilung. Du bekommst 60 Tonnen von dem Stahl pro Jahr und 80 Tonnen von dem Stahl pro Jahr. Wenn du aber gesagt hast „Von dem brauche ich nur noch 30, von dem anderen dafür mehr“, das ging eben nicht. Auf eine gewisse Maschine, die man unbedingt brauchte, wartete man drei Jahre, während man Maschinen kaufte, die man nicht brauchte. Es war einfach alles zu starr und nicht flexibel genug.

Und nach der Wende?
Da hatte ich schon ein bisschen Glück. Das Zweigwerk auf der Fritz-Große-Straße, wo ich bis zur Wende gearbeitet hatte, wurde reprivatisiert. Von den 130 Arbeitern dort mussten nach Vorgabe der Treuhand 75 übernommen werden. Es gab drei Technologen. Zwei wurden übernommen. Ich war einer davon. Die Firma hieß dann Seido (Seifert&Donner) und bis zur endgültigen Schließung des Spinnereimaschinenbaus stellten wir die gleichen Maschinenteile her wie zuvor.
Nach der Schließung kam jedoch der komplette Einbruch und wir hatten zu kämpfen, um Aufträge von anderen Betrieben zu bekommen. Das war dann ein anderer Druck, da es monatlich um die Existenz ging. Von den 75 Arbeitern wurde die Hälfte in den Fensterbau ausgegliedert, der nach drei Jahren Konkurs gegangen ist, während die restlichen in eine Halle der Fritz Heckert Werke in Sigmar umgezogen sind. Dort habe ich dann gearbeitet bis zu meiner Rente.

Text: Rene Szymanski, Foto: Spinnwerk


Ecken und Enden: Der schlafende Riese
In zehn (oder mehr) aufeinander folgenden Ausgaben wollen wir 100 Geschichten über Chemnitz erzählen. Dabei richten wir unseren Blick auf Mikroareale, und zwar von den Orten aus, die das 371 sowieso fokussiert: den Orten der Kultur und der Zerstreuung. Teil Fünf: Das Gelände der ehemaligen Spinnereimaschinenfabrik.

Lisa zwischen den Büchern
Der eine schätzt die Freiheiten und den Charme der Brache, der andere erinnert sich gern an schöne Zeiten der Chemnitzer Industriekultur: Timo Stocker und Rainer Schulze sind beide schon lange Zeit mit dem Spinnereimaschinenbau verbunden.

Beate und ein Wandgemälde aus ferner Zeit
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Zwei Literaten zu Gast in Chemnitz
Für die Arbeit an einem Literaturmagazin* sind wir aus Frankfurt a.M. nach Chemnitz gekommen. Wir wollen Eindrücke sammeln von Spuren eines vergangenen Systems und dem Übergang in die alternativlose Welt des Spätkapitalismus.

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