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Im Osten was Neues

Ostmoderne trendet

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Busbahnhof in Chemnitz mit markantem Hängedach

Schon jetzt ein Klassiker der Ostmoderne: Das 1968 erbaute Busbahnhofgebäude mit seinem imposanten Pylonen-Hängedach. Trotzdem ist seine Erhaltung unsicher.

Bei Instagram trenden regelmäßig Fotos von Ostbauten. Ausstellungen mit DDR-Kunst werden Publikumsrenner in großen Museen. Die Designklassiker des Osten werden gefeiert und hochgehandelt. Und ganz oft mittendrin: Chemnitz aka Karl-Marx-Stadt. Ist Ostmoderne also eine Chance für die Stadt?

Das Stadtmarketing hat Chemnitz mal zur Stadt der Moderne erklärt. Fanden damals viele lustig, haben aber auch nicht so viele verstanden. Die Moderne, auf die sich da bezogen wird, ist immerhin schon hundert Jahre alt und stiftet entsprechend wenig Identifikation.

Anders sieht es hingegen mit dem in den letzten Jahren aufploppenden Begriff Ostmoderne aus. Geprägt wurde er durch ein gleichnamiges Buch des Dessauer Kunsthistorikers Andreas Butter zur Berliner Architektur. Die architektonische Ostmoderne bezeichnet den Baustil des ehemaligen Ostblocks - nicht ganz trennscharf - aus den 60er bis 80er Jahren. Der kam nach dem stalinistischen Klassizismus und ist vielfach geprägt von weiterentwickelten Bauhausgrundsätzen und Experimentalbauten auf der einen Seite und dem Zwang zur Effizienz auf der anderen. Ostmoderne wird aber auch in anderen gestalterischen Bereichen erkannt, in der bildenden Kunst, im Design von Möbeln oder Gebrauchsgegenständen. Es ist, als habe die Geschichte gerade genug Abstand gewonnen, um eine neue Perspektive auf eine Zeit zu erlauben, die viele Menschen noch miterlebt haben. .

Entsprechend unterschiedlich sind auch die Blickwinkel. Was dem einen Zeugnis eines verhassten Systems, verewigt in hässlichem Beton, ist dem anderen ein faszinierender Designansatz, ist dem nächsten die Erinnerung an Herkunft und Heimat. Zumindest im Osten selbst ist wohl die Identifikation mit dem Stil der Nachkriegs- bzw. Vorwendezeit ein politisch und Altersspektren übergreifendes Phänomen. Etwas, das eher zusammenbringt als auseinandertreibt.

In Chemnitz hat man das tatsächlich schon sehr früh erkannt. Bereits ab Mitte der 1990er-Jahre wurden viele stadtbildprägende Ostbauten unter Denkmalschutz gestellt. Das Ensemble um die Stadthalle samt Hotelturm gehört dazu, weite Teile der sogenannten Kammbebauung der innerstädtischen Straße der Nationen, die Parteisäge hinter dem Marx-Monument oder auch eher unauffällige Bauten wie wie der Anbau an das TU-Gebäude auf der Georgstraße - um nur einige zu nennen. Eine große Abrisswelle, wie sie seit Jahren etwa Potsdam beschäftigt, wo zugezogenes Geld mit der Abrissbirne Ost gern preußische Postkartenansichten wiederherstellen will, gibt es in Chemnitz nicht. Und doch, wie der Chemnitzer Denkmalschutzchef Thomas Morgenstern erklärt, wissen Eigentümer solcher DDR-Zeugnisse oft nicht zu schätzen, was sie da haben. Dass auch die Ostmoderne mit etwas Fingerspitzengefühl heutigen Plänen ein Zuhause bieten kann, zeigt das Projekt Kongresszentrum. Zunächst sollte ein klotziger Neubau neben der Stadthalle entstehen. Inzwischen sind die Pläne auch zur Zufriedenheit des Denkmalschutzes auf einen maßvollen Anbau geschrumpft, an dessen Entwurf man letztlich einen der Architekten der Stadthalle, Peter Koch, beteiligte. Einem der schönsten Kongresszentren seiner Zeit, wie Morgenstern es nennt, wird so auch mit dem der heutigen Zeit nicht geschadet.

Über die Wertigkeit der Bauten und Werke dieser Epoche wird seit dem Mauerfall heftig gestritten. Dröge, systemgefällige Gestaltung, Staatskunst, Einheitsbrei für die Massen – diese Etiketten wurden und werden gern auf alles geklebt, was aus dem Osten kommt. Diese Abwertung erreichte ihren traurigen Höhepunkt im Abriss des Berliner Palasts der Republik. Das vielleicht imposanteste Gebäude der DDR-Architekturgeschichte wurde trotz breiter Proteste abgerissen, um das altpreußischen Stadtschloss an selber Stelle nachzubauen. Auch Chemnitz hat ein solch fatales Symbol zu bieten: Der 2013 erfolgte Abriss des Veranstaltungszentrums Forum. Es wurde - trotz Denkmalschutz - dem Erdboden gleich gemacht, um Platz für Parkplätze und viele ungelegte Eier zu schaffen.

Ganz aktuell gibt es Streit über den Umgang mit dem Pylonendach am Busbahnhof an der Georgstraße. Das soll einem Unibau weichen und deshalb zum Bahnhofsvorplatz wandern. Kritiker beurteilen diese Translokation als technisch schwer umsetzbar. In einem offenen Brief forderten Denkmalschützer aus dem ganzen Bundesgebiet nun die Verantwortlichen in Kommune und Land dazu auf, den Erhalt des Pylonendachs sicherzustellen, "das als seltene Konstruktion dieser Art in Deutschland weit über Chemnitz hinaus bekannt und geschätzt ist". Die Entscheidung zum Dach steht aus.

Dass sich der Begriff Ostmoderne gerade zum Trendthema entwickelt, wird der Erhaltung des Pylonen-Hängedachs hoffentlich zum Vorteil gereichen. Aber kann Chemnitz darüber hinaus vom Trend profitieren? Wohl schon. Es gibt generell einen Architekturtourismus und darüber hinaus Nischenthemen, die Besucher anziehen. Das Thema Ostmoderne kann für Chemnitz in dieser Hinsicht spannend sein, da neben den architektonischen Highlights das Thema Kunst mit den Beständen der beiden städtischen Kunstsammlungen (Kunstsammlungen am Theaterplatz und Neue Sächsische Galerie) und die noch auf ihre Präsentation wartende Kunstsammlung der Wismut AG außerordentlich stark aufgestellt ist. Im Bereich Design ist es die Privatsammlung des Chemnitzer Formgestalters Karl Clauss Dietel, erst vor wenigen Wochen von der Stadt angekauft, die auf herausragende Weise ostdeutsche Gestaltungspraxis beleuchtet. Und: Chemnitz hat als ehemaliges Karl-Marx-Stadt, prominent bebildert mit dem Marx-Monument, ein Alleinstellungsmerkmal.

Das Thema Ostmoderne kommt wohl auch deshalb mittlerweile beim Chemnitzer Stadtmarketing an. Im sogenannten Bid Book zur Kulturhauptstadtbewerbung taucht der Begriff immerhin sieben Mal auf. Nicht sehr prominent, aber doch im Zusammenhang mit dem neugegründeten Institut für Ostmoderne e.V., das Fachleute und Enthusiasten u.a. aus Kunst und Stadtplanung zusammenbringt. Sie wollen das Thema in die Öffentlichkeit tragen. Seine Premiere in dieser hatte das Institut Ende Oktober im Open Space mit Diskussionsrunde, Vortrag und Ausstellung. Wer am Thema dran bleiben will, darf dem Institut bei Facebook oder Instagram folgen (@institutfuerostmoderne), wo Folgeveranstaltungen bekannt gegeben werden.

Zukünftig sollen sich also auch in Chemnitz mehr Menschen für das Thema begeistern. Der Grund ist klar: Die Erzählung über die Ostmoderne beinhaltet eben auch die Geschichten über Qualität, Wertschätzung und Anerkennung von Lebensleistungen. Und das sind die Mega-Buzzwords im Wendejubiläumsjahr 2019. Architektur, Design und Kunst übernehmen so quasi fließend eine soziale Funktion. Und das ist etwas, dass diesen Disziplinen immer unterstellt wird, aber nur selten so einfach verifiziert werden kann wie beim Thema Ostmoderne.

Instagram-Tipp: #ostmoderne

Text: Michael Chlebusch, Lars Neuenfeld Foto: Mark Frost (Busbahnhof)

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